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Prolog

Du bist spät dran.

Spielt das eine Rolle? Ich meine, du bist seit mehr als eineinhalbtausend Jahren tot. Da kommt es auf die paar Minuten echt nicht an, oder?

Spannender Auftakt, ich muss schon sagen. Sag mal, kommst du wegen meinen Ratschlägen als Trainer zu mir oder nur, um mich zu beleidigen?

Ist ja schon gut, sorry.

Wie bist du überhaupt auf mich gekommen? Ich meine, nicht dass ich keine gute Wahl wäre. Aber ich gebe zu, in den letzten Jahren wurde ich nur wenig gebucht.

Nun ja, ich will von Anfang an ehrlich zu dir sein. Ich hatte mir erhofft, dass Peter Greif selig sich meiner erbarmen und mir als Sportsgeist mit Trainerqualitäten erscheinen würde. Aber offenbar bin ich ihm zu langsam, als dass er sich für mich interessieren könnte.

Pah, der Greif ist doch von gestern. Schreiben konnte er, das muss man ihm lassen. Und auch schnell laufen. Ok, auch als Trainer war er ziemlich erfolgreich. Aber hey, ich bin Grieche. Und nicht nur das, ich höchstpersönlich habe den Marathonlauf erfunden.

Nun mach mal halblang! Erstens ist deine Historizität höchst zweifelhaft und zweitens hatte ich nach dem Ausbleiben von Greifs Geisterscheinung als nächstes einen Griechen gefragt. Doch auch Yiannis Kouros hatte keine Lust. Über sein Management liess er ausrichten, er sei nun Australier und hätte mit seiner griechischen Vergangenheit abgeschlossen.

Yiannis, Yiannis, alle wollen sie immer nur Yiannis. Aber warum? Weil er in schicke Laufschuhe gekleidet ein paar Tage am Stück laufen konnte? Ich bitte dich, ein Kinderspiel! Hätte der nur zwei ausgeleierte, im Kriegsdienst durchgetretene Sandalen an den Füssen gehabt, er hätte es nicht einmal von Marathon bis Athen geschafft.

Womit du dich im Endeffekt ja selber übernommen hast – und das bei deinem ersten Marathon. Ach, was sitze ich eigentlich hier? Ich wende mich an einen Möchtegern-Spitzenläufer, der im Grunde genommen ein blutiger Anfänger ist. Wärst du bei deinem Marathondebut nicht gleich losgerannt wie die Feuerwehr, so hättest du es vielleicht mit ausreichend Reserve ins Ziel geschafft und überlebt. Aber nein, der Herr Pheidippides musste natürlich von Anfang an übertreiben und konnte es kaum erwarten, in Athen den Sieg zu verkünden. Eigentlich mehr als fragwürdig, dass ich nun ausgerechnet dich um Rat frage.

Warum tust du es dann?

Weil mir der Kundendienst der Himmlischen Läufervereinigung keinen anderen Coach mit Griechenlanderfahrung vermitteln konnte. Nur darum.

Und was bitte erwartest du von mir, von einem blutigen Anfänger? Wie kann ich dem werten Herrn Einmal-Sub-3-Läufer behilflich sein?

Beraten sollst du mich. Na betreuen halt. Du weisst schon, das volle Programm. Mich aufbauen, wenn ich keine Lust mehr habe. Mich in den Allerwertesten treten, wenn ich aufgeben will. Aber vor allem auch regelmässig mit mir Kontakt halten und meine Fortschritte in den kommenden acht Wochen mitverfolgen.

Na gut, schliesslich will ich nicht unhöflich sein, wenn schon mal einer meine Dienste in Anspruch nimmt. Aber bilde dir ja nichts drauf ein, hörst du? Nur weil dich Pheidippides höchstpersönlich coacht, heisst das noch lange nicht, dass du nun auf einmal zum Wunderläufer mutierst.

Sagt derjenige, der mir im direkten Marathon-Finishervergleich 1:9 hinterherhinkt – schon gut, habe nur laut gedacht! So, gib mir endlich deinen Ratschlag für die erste Trainingswoche, dann können wir dieses Gespräch beenden.

Pass auf und höre mir gut zu: Den steten Kilometer sollst du suchen, den zu schnellen verfluchen.

Sprichst wohl aus Erfahrung, hä? Sorry, ist ja schon gut. Ich lass' dich jetzt in Ruhe und schaue am Ende der Woche wieder vorbei. Bis dahin mach's gut.