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Episode 3

Nenn' mich ab sofort Eliud!

Sieh an, der Kapitän ist zurück. Und wie war's auf dem Schiff?

Schön war's! Bist ja nur neidisch, weil ihr Griechen kein einziges Gewässer habt, das es in Sachen Erhabenheit auch nur annähernd mit dem Thunersee aufnehmen könnte!

Themenwechsel. Wie sagst du, soll ich dich nennen?

Eliud!

Dann haben mich meine alten Ohren also nicht im Stich gelassen. Schade, wäre immerhin eine Erklärung gewesen, mit der ich hätte leben können. Nun graut mir ehrlich gesagt vor der Wahrheit, die du mir gleich verkünden wirst. Warum um alles in der Welt sollte ich dich Eliud nennen?

Na weil ich am Montag mit ebenso viel Mut, Biss, Tempohärte und Erfolg mein schnelles Training durchgezogen und die 15 km problemlos im Marathonrenntempo abgeballert habe. Darum.

Nimm es mir nicht übel, aber als dein Coach muss ich dir aus der Traumwelt, in der du dich wähnst, zurück auf den Boden helfen. Erstens vergleicht man sich auf deinem Niveau grundsätzlich nicht mit Eliud, das grenzt an Blasphemie.

Na, du musst es ja wissen mit euren Heerscharen an Göttern …

Lass mich gefälligst ausreden! Zweitens brauchst du dir auf diese 15 km rein gar nichts einzubilden. Schliesslich stehst du nicht am Saisonanfang, sondern hast schon weitaus schnellere Trainings und einmal mehr viel zu viele Wettkämpfe hinter dir. Diese Distanz halbwegs vernünftig zu laufen, ist also nichts weiter als normal. Alles andere wäre bedenklich. Aber gut, immerhin hast du ausnahmsweise mal ein Training programmgemäss durchgezogen. Das lässt hoffen. Und wie war der Rest der Woche?

Schönes Wetter heute, nicht? Unglaublich, wie viel Sonnenschein ihr hier in Griechenland um diese Jahreszeit noch habt. Bei uns regnet es seit Tagen und die Temperaturen zwingen mich schon zur langen Laufhose.

Ich höre.

Was? Ach so, der Rest der Woche. Ja ja, lief nicht schlecht. War halt kalt und nass und ich hatte abseits der Laufstrecke noch so viel zu tun.

Geht das etwas genauer? Zur Erinnerung, du wolltest am Dienstag 10 bis 15 km extensiv laufen, dann am Mittwoch Intervalle ballern und gestern stand offenbar ein weiterer 35er auf dem Programm. Nun erzähl mir doch etwas ausführlicher, wie der grosse Eliud diese Trainings genagelt hat.

Ja, also … Wie soll ich anfangen … Ja eben, am Dienstag hatte ich halt zu tun und die Zeit verging wie im Flug. Dann war es schon Abend, die Batterie meiner Stirnlampe war leer, draussen tobte ein Orkan und überhaupt musste ich mich nach dem harten Training am Montag schonen.

Du hast das Training also ausfallen lassen.

Ja.

Mittwoch?

Das lief super! Zumindest zu Beginn, da konnte ich die Intervalle problemlos im Halbmarathontempo runterwetzen.

Und dann?

Dann kam die Müdigkeit zurück. Es lief irgendwie nicht mehr so richtig und überhaupt hatte ich zuhause noch sehr viel zu tun. Ich bin ja kein Profi und habe noch andere Verpflichtungen!

Sagt Eliud.

Depp.

Angeber.

Jedenfalls entschied ich mich dann zum Abbruch des Trainings. Man will ja schliesslich nichts riskieren.

Genau, vor allem keine gute Marathonzeit … Egal. Gestern? Den 35er endlich mal mit Endbeschleunigung durchgezogen?

Nicht ganz.

Was, nicht ganz. Muss ich dir deine erbärmlichen Geständnisse stückweise aus der Nase ziehen? Also, was lief gestern? Lass mich raten. Am Anfang lief es super, nicht wahr?

Falsch. Es lief schon am Anfang überhaupt nicht. Ich kam auf den ersten 8 Kilometern so ganz und gar nicht in Fahrt und war danach schon müder als normalerweise nach 35.

Du hast natürlich sofort richtig gehandelt, nichts riskiert, das Training abgebrochen und den nächsten Zug nach Hause genommen. Stimmt's?

Genau! Langsam überzeugst du mich mit deinem Scharfsinn.

Nichts Scharfsinn! Ich weiss nach drei Wochen leider zur Genüge, welch kümmerlicher Laufzwerg du bist! Immer, wenn es anstrengend wird, findest du irgendeine Ausrede und brichst ab. Dass du damit keinen Blumentopf gewinnst, ist dir schon klar, oder?

Oh oh oh, da spricht auf einmal der Greif durch deine alten Knochen!

Denkst du echt, dein Greif hätte die Trainingslehre erfunden? Da waren vor ihm doch noch ein paar andere Jungs am Werk, einer von ihnen steht vor dir.

Deine Erfolgsquote als Trainer ist sicher bemerkenswert, schliesslich hast du selber ja unzählige Marathonläufe ins Ziel gebracht.

Fängt das schon wieder an … Kommen wir doch zurück zu dir. Wie gedenkst du, aus diesem Trainingstief wieder rauszukommen?

Was fragst du mich? Du bist der Trainer.

Nun denn, mein Rat ist einfach und klar. Pass auf und hör mir gut zu: Nimm endlich den Finger raus und fang an zu trainieren, sonst kannst du im November zuhause bleiben und dir deinen zehnten Marathon sonst wo hinstecken! Kapiert?

Das nenn' ich mal eine klare Ansage. Verstanden, keine Ausreden mehr, Training durchziehen.