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18.08.14  Brot und Spiele 2.0

Rom, Kolosseum, 80 n. Chr.

Salvius Modius kniet nur mit einem Lendenschurz bekleidet im vom Blut rot gefärbten Sand der Arena. Er kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Gezeichnet vom ungleichen Kampf gegen den bis an die Zähne bewaffneten Legionär, den man ihm zur Belustigung der rund 40‘000 Anwesenden Zuschauer auf den Rängen zugewiesen hat, versucht er ein letztes Mal sich zu erheben. Es ist nicht sein erster Kampf. Nein, es ist sein siebenundzwanzigster, und aus jedem einzelnen ist er als Sieger hervorgegangen. Doch nun scheinen ihn sämtliche Kräfte verlassen zu haben.

Krampfhaft richtet er sich auf, taumelt einen Moment lang und sackt sogleich wieder in sich zusammen. Der Legionär steht erhobenen Hauptes neben ihm. Salvius hebt den Kopf. In der glühend heissen Mittagssonne sieht er das Schwert bedrohlich über seinem Kopf blitzen. Sein geschundener Körper wehrt sich nicht mehr, nur sein Ehrgeiz hält ihn jetzt noch am Leben. In der Ehrenloge steht Titus und wendet sich triumphierend fragend seinem Volke zu. Die Meute tobt und deutet durch tausende gesenkter Daumen ihre Forderung bezüglich des Ausgangs dieses Kampfes an.

Zürich, Stadion Letzigrund, 12. August 2014

Es ist 20:40 Uhr, der Final über 10‘000 m der Frauen geht demnächst in die letzte Runde. Sabrina Mockenhaupt läuft an sechster Stelle. Vor ihr macht sich die vierzigjährige Jo Pavey daran, die lange Zeit dominierende Französin Clémence Calvin zu überholen, um sich dann kurze Zeit später mit einem beeindruckenden Schlussspurt den Europameistertitel zu sichern. Mockenhaupt läuft stark, läuft konstant und belegt auch nach der letzten der 25 Stadionrunden den 6. Rang. Das Publikum feiert Jo Pavey, während Sabrina Mockenhaupt kaum beachtet wird. Doch weit abseits des Trubels im Letzigrund wachen sie auf. Sie kriechen unter ihren leeren Chipstüten hervor in die vorgewärmten Pantoffeln und schleichen ins Nebenzimmer, wo gespenstisch leuchtend der Bildschirm des Notebooks in der Dunkelheit schimmert. Sie wischen sich die Finger am Schlabberpulli ab und beginnen damit, ihr Urteil zu fordern wie einst die Meute im Kolosseum. Viel mehr noch, sie fordern es nicht nur, sondern verhängen es gleich selbst. Hastig werden Satzfragmente wie „Peinlich!“, „Unprofessionell!“, „Das Maul zu weit aufgerissen!“ getippt, um sich kurze Zeit später von Gleichgesinnten darin bestätigt zu wissen, dass man ein faires und umsichtiges Urteil gefällt hat. Zwar werden die treffenden Analysen zum Geschehen auf der Tartanbahn immer wieder von überschwänglichen Lobeshymnen anderer übertönt, aber all das mag sie in ihrer Rechtschaffenheit nicht beirren. Denn schliesslich sind sie die wahren Kenner, die wissen, wie eine Leistung zu beurteilen ist.

Zürich, City, 16. August 2014

Es ist 10:21 Uhr, die teilnehmenden Läuferinnen haben rund die Hälfte der Marathondistanz hinter sich. Humpelnd, frierend und am Boden zerstört steht Sabrina Mockenhaupt am Strassenrand. Ein halbwegs vernünftiges Gehen ist nur unter grosser Anstrengung möglich, ein athletisches Laufen undenkbar. Das Volk am Strassenrand nimmt es zur Kenntnis und widmet sich sogleich wieder der Spitze des Feldes zu, wo Christelle Daunay souverän in Führung liegt und auch am Ende den Sieg davontragen wird. Doch bevor sich Mocki dem deutschen Fernsehteam erklären kann, sind sie bereits wieder zur Stelle. Schliesslich haben sie die Läuferin in den vergangenen achtzig Minuten mit Argusaugen verfolgt, jeden Schritt beobachtet, jede Unsicherheit beim Auftreten mit geschultem Kennerblick registriert. Der Kameramann in Zürich ordnet noch sein Kabel, während weit weg bereits die Tasten der Notebooks klappern. Der Fall ist eindeutig. Sabrina Mockenhaupt hat sich übernommen. Warum musste sie auch einige Tage zuvor bereits über 10‘000 m starten. Unprofessionell. Stümperhaft. Schon von Anfang an eine klare Sache. Das hätte jede LCZ-Juniorin besser gewusst. Aber es war ja schon längst klar: Sabrina bringt’s einfach nicht. Daran können auch die zahlreichen Mut spendenden Kommentare nichts ändern. Es ist nun einmal so und die Gralshüter der Leichtathletik nicken zustimmend, während sie mit leicht ketschupverschmiertem Mund nach dem Strohhalm in der Cola schnappen und gleichzeitig ihre glänzenden Frittierölfingerchen einem Lang Lang gleich über die PC-Tastatur gleiten lassen.

Zürich, Stadion Letzigrund, 17. August 2014

Es ist 17:22 Uhr und es herrscht Totenstille im Stadion. Die Läuferinnen der 4 x 100 m stehen zum Finallauf bereit auf ihren Markierungen. Mujinga Kambundji kniet an der Startlinie, fest entschlossen, erneut die schnellste Reaktionszeit zu zeigen und den Stab so schnell wie möglich der zweiten Staffelläuferin zu übergeben. Der Startschuss fällt, Mujinga reagiert blitzschnell und schiesst in 0.133 Sekunden aus den Pflöcken. Einen Augenblick später ist alles vorbei. Der Stab liegt neben der Bahn, die Konkurrenz zieht gnadenlos davon, während Kambundji fassungslos stehen bleibt. Erste Reaktionen auf den modernen Gladiatorenportalen fallen zwar positiv aus. In Strömen treffen Beileidsbekundungen und tröstende Worte ein. Sind sie etwa verstummt, die Besserwisser und Stänkerer? Oder zu sehr geschockt, so dass sie den grossen Leckerbissen gar nicht richtig wahrnehmen können, den man ihnen da zum Frass vorgeworfen hat? Bis jetzt scheinen sie still zu sein. Mit Ausnahme von Frau Müller, die in einem geradezu überragenden Mass Bescheid weiss. So vergleicht sie das Verlieren des Stabes empirisch gekonnt mit dem Namen der Läuferin, der so gar nicht gleich tönt wie ihr eigener. Sonnenklar, dass da ein Zusammenhang bestehen muss. Frau Müller wird sehr wahrscheinlich in weit entfernter Verwandtschaft von Titus abstammen, denn so zielgerichtet kann nur eine wahre Regentin urteilen. So bin ich mir denn auch sicher, dass sie die Gilde der Social-Network-Legionäre in 168 Tagen triumphierend zu den Kommentarfestspielen anlässlich der Ski-WM in Vail / Beaver Creek anführen wird. Schliesslich beschränkt sich ein so ausgeprägter Geist nicht nur auf eine Sportart. Ja, in einem halben Jahr kommen sie wieder hervorgekrochen. Unscheinbar zuerst, doch dann mit jedem Resultat deutlicher und am Ende werden sie wieder ihr unumstössliches Urteil fällen. Willkommen im Rom des 21. Jahrhunderts. Willkommen zu Brot und Spiele 2.0!