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29.03.15  Erfolg im zweiten Anlauf

Wir schreiben den 1. März 2015. Im Ziel der «10 km de Payerne» zeigt mir meine Uhr, dass ich knapp unter 40 Minuten angekommen bin. Das habe ich nicht erwartet, denn rund fünfhundert Meter vor der Ziellinie war ich mir sicher, einige Sekunden über der Vierzigermarke anzukommen. Eine Stunde später dann die grosse Ernüchterung. Das offizielle Resultat lautet 40.01,9. Kaum zu Hause, beginne ich mit dem Schlachtplan für die Revanche. Kurze Zeit später erscheine ich auf der Startliste der Schweizer Meisterschaften über 10 km Strasse in Uster vom 28. März. Den Blogbeitrag zum Rennen in Payerne beende ich mit den Worten: „Wenn ich die 40 Minuten dort nicht knacke, dann wird es dieses Jahr definitiv nichts mehr – aber die werde ich dort knacken, oh ja!“

Ganz schön riskant, eine solche Ansage für alle lesbar im Blog zu veröffentlichen, nicht wahr? Das habe ich mir aber gut überlegt. Schliesslich brauche ich eine gewisse Entschlossenheit, wenn ich ein Ziel auch wirklich erreichen will. Aus Erfahrung weiss ich, dass mir während eines Laufes die unmöglichsten Ausreden in den Sinn kommen und ich Gefahr laufen könnte, die Zielzeit bereits unterwegs aufzugeben. Vor und nach einem Lauf ist das jeweils kein Thema. Da bin ich felsenfest davon überzeugt, das Ding durchzuziehen – komme, was wolle. Wenn es aber im Lauf selber so richtig harzig wird und das Ziel in weiter Ferne liegt, mache ich mir plötzlich Gedanken, die ich mir besser nicht machen würde. Da sitzt dann jeweils dieses faule Laufteufelchen auf der einen Schulter und flüstert mir ins Ohr: „Komm, was soll der Blödsinn! Sieh es doch ein, es reicht heute einfach nicht. Du kannst nicht 10 km schnell laufen wollen, dich aber unter der Woche auf einen Marathon mit deutlich langsameren Trainingszeiten vorbereiten. Die 10 km können warten.“ Diese ersten Versuche, mich aus dem Konzept zu bringen, überhöre ich jeweils gekonnt. Doch das fiese Ding auf meiner Schulter lässt nicht locker: „Schau, jetzt ziehst du das noch einen Kilometer durch. Wenn du dann nicht deutlich unter der Zeit liegst, hörst du auf! Vergiss deinen Vorsatz, niemals ein Rennen aufzugeben. Das war vor einem Jahr in Aarau schon eine peinliche Vorstellung, die du uns hättest ersparen können. Sei doch ein Mann und begreife, dass es besser ist, mit Würde aufzuhören, als abgekämpft jenseits jeder Zeitvorstellung ins Ziel zu schleichen!“ Und so geht das weiter und weiter. Bis anhin habe ich den Fiesling noch immer besiegt, bin durchgelaufen und ins Ziel gekommen. Aber ich weiss, er wird wiederkommen. Das Gute daran ist, dass man sich mit der Zeit an ihn gewöhnt und mit ihm umzugehen lernt.

Wir schreiben den 28. März 2015. In Uster ist alles angerichtet für die Schweizer Meisterschaften. Ein Blick auf die Zeiten der Teilnehmenden verrät, dass hier fast ausschliesslich ganz schnelle Läuferinnen und Läufer an den Start gehen. Etwas anderes erwartet man auch nicht von einer Meisterschaft, oder? Da der Anlass aber auch als Volkslauf ausgeschrieben ist, masse ich mir trotzdem an, daran teilzunehmen und freue mich, gemeinsam mit diesen Spitzenleuten starten zu dürfen. In meinem Startfeld steht ganz vorne die Damen-Elite mit so klingenden Namen wie Fabienne Schlumpf oder Martina Strähl. Beide Topathletinnen, deren Karriere ich seit längerer Zeit mit grossem Interesse verfolge. Nun gemeinsam mit ihnen auf die Strecke geschickt zu werden, ist Grund genug, an den Start zu gehen. Aber eben, ich bin ja nicht nur zum Vergnügen hier. Heute sind die Sub-40 fällig. Ich will mir auch gar nicht weiter den Kopf darüber zerbrechen, was ich machen würde, wenn ich erneut scheitere. Es darf heute einfach kein Scheitern geben. Punkt. Vor mir liegt die schnellste 10-km-Strecke der Schweiz, die Wetterbedingungen sind perfekt. Es ist angenehm kühl, aber trocken. Die Organisation ist vom Feinsten und man merkt, dass das hier ein Eliterennen und kein gewöhnlicher Feld-Wald-und-Wiesenlauf ist.

Der Start ins Rennen erfolgt wie erwartet schnell. Bei KM 1 muss ich doch zweimal auf die Uhr schauen, um sicher zu sein: 3:37 – einer der schnellsten Kilometer, die ich je gelaufen bin. Aber das Gefühl ist gut und ich versuche, den Rhythmus zu finden und mich nicht allzu sehr durch das schnelle Feld vor mir mitziehen zu lassen. Denn während die das Tempo über 10 km durchziehen können, würde ich wohl nach wenigen Kilometern halb tot im Strassengraben liegen … Bis KM 3 läuft es bestens. Dann merke ich, dass es langsam anstrengend wird. Was? Jetzt schon?! Ich habe ja nie erwartet, dass ich die 10 km munter in einem hohen Tempo abwetzen könnte. Aber bereits nach knapp einem Drittel der Distanz schon erste Ermüdungserscheinungen zu spüren, ist doch etwas beunruhigend. Und spätestens nach Rennhälfte meldet er sich wieder, der kleine Besserwisser mit den Hörnchen auf dem Kopf. Und er versteht sein Handwerk gut. „Was ist, hä? Hast du echt geglaubt, du könntest hier unter 40 Minuten ins Ziel kommen? Jetzt siehst du’s endlich. DAS sind die richtigen Läufer. Die müssen sich um solch langsame Zeiten wie 40 Minuten gar nicht erst Gedanken machen. Für die kommen nur Zeiten bis maximal 35 Minuten in Frage. Und auch das wäre schon sehr langsam. Was willst du denn noch hier? Glaube mir doch endlich: Du schaffst das nicht! Du kannst nun mal nicht so schnell starten und dann erwarten, das Ding auch wirklich ins Ziel zu bringen. Lass doch diese blöden 10 km endlich sein und bereite dich anständig auf den Marathon vor! Da kannst du wieder mit 4:40er-Zeiten durch die Landschaft schleichen, wie es dir gefällt! Ok, dir muss man es wohl in ganz kleinen Häppchen beibringen, sonst kapierst du es nicht. Jetzt liegst du noch knappe 15 Sekunden unter der Zeit. Sobald du darüber liegst, steigst du aus, klar? Du machst dich nur unnötig kaputt und gefährdest die Marathonvorbereitung. Hörst du mir überhaupt zu?“

Während der Giftzwerg immer weiter in mein Ohr poltert, suche ich vergebens nach seinem Gegenspieler, dem flinken Laufengelchen mit Stahlnerven und kenianischem Blut in den Adern. Doch der hat sich längst abgemeldet und sorgt mit aller Kraft dafür, dass die Beine ihren Job erledigen und nicht nachlassen. So muss ich mich wohl selber um das Teufelchen kümmern.

Bei KM 8 sind es noch immer 15 Sekunden auf die Sollzeit. Das dürfte knapp werden. Aufzugeben ist aber spätestens hier definitiv keine Option mehr. Das kapiert offenbar auch der Faulpelz auf meiner Schulter, denn er wirkt auf einmal sehr wortkarg. Von weit her leuchtet mir die 9-km-Tafel entgegen. Bei der Marke angekommen, sind es noch 10 Sekunden Vorsprung auf die Sollzeit. Jetzt gibt es nur noch eine Möglichkeit. Ich muss den letzten Kilometer nochmals wesentlich schneller laufen, denn ein so kleines Polster schmilzt innert wenigen hundert Metern weg. Los geht’s! Die Strasse runter, dann links. Weiter geradeaus an der Schulanlage vorbei, wo ich vorhin am liebsten ausgestiegen und duschen gegangen wäre. Da vorne um die Ecke, dann ist es nicht mehr weit bis zur Zielgeraden. Läck, ist diese Zielgerade lang! Welcher Idiot hat den Zielbogen nach hinten verschoben?!! Egal, weiter rennen! Die offizielle Zeit zeigt noch 39 Minuten irgendwas an. Das muss reichen. Vergiss die Haltung, vergiss den Laufstil. Kämpfe dich einfach vorwärts. Der rote Teppich, die Zielmatte, plötzlich bremsen alle. Im Ziel? Im Ziel! Möge mich die Uhr wie schon in Payerne täuschen – aber um 20 Sekunden verirrt sie sich nicht. Es ist geschafft!

Während eine 39er-Zeit für die meisten ambitionierten Läufer nicht weiter erwähnenswert ist, so ist sie für mich doch ein Riesenschritt. Mehr liegt im Moment beim besten Willen nicht drin. Mehr abkämpfen als heute kann ich mich nicht. Und das erst noch bei den bestmöglichen Bedingungen. Mein Vereinskollege wird am gleichen Abend auf einem holprigen und engen Feld-und-Wald-Kurs bei miesem Regenwetter eine um 30 Sekunden schnellere Zeit schaffen – Hut ab!

Frisch gestärkt und geduscht freue ich mich in der Turnhalle auf die Siegerehrung. Fabienne Schlumpf und Tadesse Abraham wurden ihren Favoritenrollen gerecht und haben den SM-Titel abgeholt. Kurz bevor ich die Halle verlasse, bitte ich Martina Strähl noch um ein gemeinsames Foto. Tja, auch das gibt es an den Schweizer Meisterschaften. Auf einmal trifft man seine Vorbilder vor Ort und kann mit ihnen plaudern. Sehr sympathisch!

Das Kapitel 10 Kilometer wäre bis auf weiteres abgehakt. Der nächste Lauf über diese Distanz folgt im Oktober am Muttenzer Herbstlauf. Mit einer satten Höhendifferenz von rund 100 m wird das für mich sowieso ein ganz anderes Rennen als auf flacher Strecke. Ab Montag folgt jetzt aber erst einmal die zweite Hälfte der Vorbereitung auf den ORLEN Warsaw Marathon. Die ersten vier Wochen verliefen sehr erfreulich und ich bin zuversichtlich, auch in den nächsten vier Wochen gut trainieren zu können. Und dann stehe ich Ende April in Warschau am Start des Laufes, der sich langsam zu meiner Lieblingsdistanz entwickelt. Es ist schön, Läufer zu sein!