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24.05.15  21.1 km nach Runhalla

Neulich habe ich mit einem Laufkollegen darüber philosophiert, ob es hinter der Ziellinie so etwas wie einen Läuferhimmel gibt. Ein unsichtbarer Mikrokosmos, den nur diejenigen betreten können, die zuvor die Laufstrecke passiert und am Ende die Zielmatte überschritten haben. Obwohl wir diese Diskussion sportlich nüchtern und ohne einen Tropfen Alkohol bei einem Glas Mineralwasser geführt hatten, kamen wir am Ende zum Schluss, dass wenn es diesen Ort gebe, er wohl Runhalla heissen müsse.

In Runhalla finden all diejenigen Eintritt, die ihre Wunschlaufzeit erreichen oder gar unterbieten. All jene, die unterwegs einbrechen, scheitern und ihre Traumzeit zumindest vorläufig abschreiben müssen, finden allenfalls den Weg nach Runhölla. Wie es dort aussieht, kann ich zum Glück nicht beschreiben, da ich noch nie da war. Vor einem Jahr am Aargauer Volkslauf war ich zwar auf dem besten Weg dorthin und Zerberus hat mich vor der Ziellinie schon erwartet. Allerdings konnte ich ihm ein Schnippchen schlagen, indem ich mich mit dem zweitletzten Rang und einer himmeltraurigen Laufzeit ganz einfach zufrieden zeigte und es mir nichts ausmachte, den Lauf unter den gegebenen Umständen nicht wunschgemäss beendet zu haben. Kurz: Von Runhölla habe ich also keine Ahnung.

Anders sieht es in Sachen Runhalla aus. Da war ich doch schon das eine oder andere Mal zu Besuch. Zum Glück, denn die endgültige Aufnahme in diese heiligen, von ASICS-Laufschuhen gesäumten und durchgängig asphaltierten Hallen erfolgt erst nach dem Ableben des Läufers und darauf habe ich nun wirklich überhaupt keine Lust. Also kenne ich diesen Ort nur von gelegentlichen Stippvisiten am Ende eines Wettkampfs. In der laufenden Saison war ich allerdings schon oft dort zu Gast, so dass ich inzwischen schon fast einen Stammplatz habe. Trete ich dort ein, so stehen eine Tasse Kaffee und ein Erdinger alkoholfrei quasi schon für mich bereit. Das erste Mal schaute ich heuer am 28. März vorbei, als ich in Uster nach mehreren Anläufen endlich die 10 km unter 40 Minuten lief. Einen Monat später war ich am 26. April nach dem Zieleinlauf in Warschau und meiner ersten Marathonzeit unter 3h15 erneut bei den zufriedenen Lauffreunden zu Gast. Und gestern Abend folgte kurz nach halb acht der dritte Besuch in diesem Jahr. Kurz zuvor überschritt ich die Ziellinie am 6. Sempacherseelauf in Sursee mit einer neuen persönlichen Bestzeit im Halbmarathon von 1:28.14. Somit hatte ich die 1h30 endlich geknackt, was mir auch den zwischenzeitlichen Eintritt in Runhalla ermöglichte.

Doch wie so oft, musste ich mir den Weg dorthin erst einmal verdienen. Da helfen keine Sympathiepunkte beim ESC und auch keine Facebook-Likes bei DGST. Dorthin muss jede und jeder selber laufen – und das ist ja gerade das Schöne daran! Aber der Reihe nach: Schon die Stimmung vor dem Start war äusserst heiter und locker. Seit langem war ich wieder einmal mit Frau Gemahlin als Begleiterin an einem Lauf. Dazu kam das angeregte Plaudern mit den Vereinskolleginnen und Vereinskollegen, die sich ebenfalls dazu entschieden hatten, die 21.1 km in Sursee unter die Füsse zu nehmen.

Die Vorbereitung verlief auch vielversprechend und ein Schnitt von 4:12 min/km lag im Bereich des Möglichen. Die Startphase erwies sich denn auch wie erwartet als ziemlich rasant, denn das Feld der schnelleren Läufer/innen vor mir machte schon zu Beginn mächtig Tempo. Ich liess mich bewusst mitziehen, um auf Trab zu kommen und einige Sekunden Reserve für „hinten hinaus“ zu schaffen. Die ersten beiden Kilometer lief ich jeweils unter 4 Minuten. Bis Rennhälfte lag ich ungefähr im Schnitt von 4:08, womit ich mir ein angenehmes Polster schaffen konnte. Bleibt noch anzufügen, dass die erste Hälfte fast ausschliesslich auf Asphalt verlief, was mir persönlich sehr gut passte. Der Weg von Sempach zurück nach Sursee führte dann oft über schmale Natur- und Kieswege, was vor allem im letzten Drittel des Rennens zusehends Kraft kostete, zumal ich auf diesem Terrain technisch einfach zu schlecht bin und zu wenig effizient laufen kann. Dem ist allerdings entgegenzuhalten, dass die häufigen Belagswechsel zusammen mit den nun vermehrt vorkommenden Richtungsänderungen für willkommene Abwechslung sorgten und wieder etwas Rhythmus in das Laufgeschehen brachten. Dennoch büsste ich kontinuierlich an Tempo ein und lief den KM 17 in 4:20, was nun deutlich zu langsam war. So sah ich die Sub-1:30 immer mehr davon schwimmen.

Es ist aber auch eine schöne Eigenheit des Laufsports, dass man unterwegs immer wieder auf wahre Sportsleute trifft, die das gemeinsame Erlebnis vor den gegenseitigen Wettkampf stellen. Das durfte ich auch just bei diesem verflixten KM 17 erleben, als ich einen langsameren Läufer vor mir überholte. Er schaute kurz zur Seite und meinte, dass ich ja mit einer ordentlichen Pace unterwegs sei. Dann fragte er mich, welche Zeit ich mir denn vorgenommen hätte – übrigens alles völlig locker und ohne Anstrengung. Ich konnte gerade so hecheln, dass ich unter 1:30 laufen möchte, aber mir nicht mehr so sicher sei, dass ich das auch erreichen könne. Er meinte darauf hin, dass ich das sicher schaffen werde und wünschte mir viel Glück. Durch diese aufmunternden Worte beflügelt und weil ich mich ja jetzt nur schlecht wieder von ihm einholen lassen konnte, zog ich das Tempo nochmals an. Ein mit Wasser getränkter Schwamm, den mir ein hilfsbereites Kind bei der nächsten Verpflegungsstelle reichte, erledigte den Rest, so dass ich kurz darauf (fast) wie neu geboren einem jungen Rehlein gleich davoneilte. So zumindest das subjektive Empfinden. Von aussen dürfte es mit Sicherheit anders ausgesehen haben … Egal, Sursee rückte näher und ich stellte mit einem Schmunzeln fest, dass ich gerade entlang der Suhre lief – dem Bach, an dem ich aufgewachsen war und in dessen unmittelbarer Nähe ich meine Primarschulzeit verbracht hatte. Sogleich musste ich den Geografielehrer in mir aber wieder bändigen und mich auf die Schlussphase des Rennens konzentrieren. Denn nun hing alles davon ab, ob ich die letzten Kilometer durchziehen konnte oder am Ende doch noch einbrechen würde. Bei KM 20 schaute ich auf die Uhr und freute mich riesig über die Anzeige. Mir blieben noch knapp 7 Minuten für den letzten Kilometer. Eine Ewigkeit, in der ich einfach konstant durchlaufen musste und nicht am Ende noch blöd stürzen oder es sonst irgendwie vergeigen durfte.

Das Stedtli kam in Sichtweite, die Strassen waren nun wieder dicht gesäumt von Zuschauern, die uns anfeuerten und so setzte ich zum finalen Schlussspurt an, der mich geradewegs nach Runhalla führte.

Abschliessend bleibt noch zu betonen, dass der Sempacherseelauf zu den bestorganisierten Läufen gehört, die ich bisher erlebt habe. Die Strecke um den See ist wunderschön und kann es mit anderen weitaus bekannteren Seeumrundungen problemlos aufnehmen. Die Organisation war zumindest für mein Empfinden erstklassig. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön dem OK und all den vielen Helferinnen und Helfern entlang der Strecke und im Start-/Zielgelände. Ihr habt uns ein unvergessliches Lauffest beschert, für das ich gerne wieder aus Runhalla zurückgekehrt bin.