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21.09.15  Bestzeit-Flügel statt Hammermann – neue PB am Baden-Marathon in Karlsruhe

Nach erst drei gelaufenen Marathons bereits von Routine zu sprechen, wäre sicher übertrieben. Dass ich aber inzwischen wesentlich besser vorbereitet und selbstsicherer an den Start gehe als beim ersten Mal, ist auch klar. Dennoch erlebte ich gestern meinen bislang erfolgreichsten und besten, aber zugleich auch verrücktesten Lauf über 42.195 km.

Rückblickend fällt auf, dass der Lauf selber ein Abbild der Vorbereitungsphase war. Sowohl die Vorbereitung als auch das Rennen selber begannen ziemlich mühsam und harzig. Und in beiden Fällen lief es in der zweiten Hälfte auf einmal fantastisch. Aber alles schön der Reihe nach.

Damit ich in diesem Jahr wieder einige Herbstklassiker wie den Murtenlauf oder den Muttenzer Herbstlauf bestreiten kann, wollte ich einen möglichst frühen Herbstmarathon laufen. Die Wahl fiel auf den 33. Fiducia GAD Baden-Marathon in Karlsruhe. Der war nicht nur flach, asphaltiert und somit schnell, sondern auch bequem mit der Bahn erreichbar. Das bedeutete aber auch, dass die Vorbereitung ebenfalls früher beginnen würde. So nahm ich das Projekt Baden-Marathon bereits am 27. Juli in Angriff. Nach dem für mich tollen Ergebnis in Warschau im April (3:14.27) lag der nächste Schritt auf der Hand und die Sub-3:10 mussten doch irgendwie zu knacken sein. Obwohl ich in Warschau nur mit grösster Mühe und ziemlich knapp unter 3:15 blieb, berechnete ich den Trainingsplan für Karlsruhe auf einer Zielzeit von 3:09.15 basierend. Das bedeutete, dass ich den Marathon im Schnitt von 4:29 min/km laufen musste. Satte 7 Sekunden schneller als noch vor wenigen Monaten in Warschau, aber zumindest der Vorstellung nach machbar.

Das Training zum Auftakt mit 17 km im neuen Marathonrenntempo von 4:29 verlief bestens. Allerdings hatte ich das auch nicht anders erwartet, hatte sich meine Form doch über die Frühjahrsrennen nach Warschau nochmals deutlich gesteigert. Die erste Euphorie wich aber schon bald dem Frust, denn die ersten drei Wochen waren durch die starke Sommerhitze geprägt und es fiel mir vor allem in den Intervall-Trainings schwer, die geforderten Zeiten zu laufen. Mehrmals musste ich Einheiten aufgeben, abkürzen oder im besten Fall langsamer als geplant laufen. Nach der auch planmässig in Umfang und Intensität etwas reduzierten vierten Woche war ich mir alles andere als sicher, die geplante Zielzeit von unter 3:10 h zu packen. Noch war es aber nicht zu spät – die zweite Hälfte der Vorbereitung musste aber deutlich besser verlaufen.

Und das tat sie auch! Mit den kühleren Temperaturen war es mir immer öfter möglich, die Trainings planmässig abzuspulen. In den letzten zwei Wochen spürte ich, dass die Form langsam stimmte und ich am Ende doch noch zuversichtlich sein konnte, am Baden-Marathon eine neue persönliche Bestzeit rauszulaufen. Ob es allerdings für unter 3:10 h reichen würde, war offen.

Immerhin konnte ich am Ende doch noch auf eine gelungene Vorbereitung zurückblicken. Entsprechend entspannt reiste ich vorgestern nach Karlsruhe. Aber bald schon lag ich hundemüde im Hotelbett und als gestern Morgen um 5:45 Uhr der Wecker klingelte, konnte ich es mir so ganz und gar nicht vorstellen, in drei Stunden an der Startlinie eines Marathons zu stehen. Wie gemütlich wäre es doch gewesen, stattdessen nochmals ein paar Stunden zu schlafen, sich dann langsam in den Frühstückssaal zu begeben und in aller Ruhe eine Tasse heissen Kaffee zu geniessen.

Selbstverständlich liess ich diesem Gedanken nicht den geringsten Platz – jedenfalls versuchte ich es … Ich wusste schliesslich, wie viel Zeit und Mühe ich in den letzten acht Wochen in dieses Projekt investiert hatte und da war es nicht mehr als logisch, dass ich beim ersten Weckton aus den Federn hüpfen und laut schreien sollte: „Es ist Wettkampftag!“ Ganz so viel Elan konnte ich dann aber doch nicht aufbringen. Immerhin schaffte ich es nach einer Weile in meine Wettkampfsachen und somit praktisch startbereit in den Frühstückssaal, wo bereits fünf andere Läuferinnen und Läufer über ihren Kaffeetassen dösten. Amüsant waren die Unterschiede der Speisen, die sich Herr und Frau Läufer auf den Teller legten. Einer stocherte wild in seiner Müeslischale. Eine andere genehmigte sich eine Banane und zwei Traubenbeeren, garniert mit einem Darvida. Dazu gönnte sie sich Früchtetee. Wieder ein anderer wollte auf Nummer sicher gehen und es garantiert bis zur ersten Verpflegungsstelle schaffen. So stapelte er sich reichlich Würstchen, Rührei und gebratene Specktranchen auf seinen Teller. Damit er nicht bald darauf wieder aufstehen und nachlegen musste, grabschte er sich lieber gleich zwei grosse Semmeln auf einmal und dann widmete er sich entschlossen seinem Wettkampfmampf.

Ich hielt mich dabei einmal mehr – wie übrigens in Bezug auf die gesamte Marathonvorbereitung inklusive Renntempogestaltung – an Peter Greif, dessen Buch „Greif – for running life“ mir bereits zum dritten Mal beste Dienste geleistet hat. Cheftrainer Greif empfiehlt ein bis zwei Scheiben Weissbrot mit wenig Butter und Honig. Dazu ein bis zwei Schokoriegel – und gut ist. Ich entschied mich für eine grosse Semmel mit Honig, aber ohne Butter. Dazu – und das ist das Wichtigste überhaupt – zwei grosse Tassen Kaffee. Den Schokoriegel sparte ich mir für die letzte halbe Stunde vor dem Start und weil es nicht irgendein popeliger Riegel, sondern ein 40-Gramm-Mocken Ovo-Schoggi war, begnügte ich mich mit einem halben, statt zweien.

Draussen bei der Tramhaltestelle verhalf mir die kühle Morgenluft dazu, immerhin ein Stück weit in die Gänge zu kommen und der Gedanke, demnächst durch die Strassen dieser Stadt zu laufen, war gar nicht mehr so daneben. Es ist ja schön, dass ich inzwischen nicht mehr vor jedem Start fast in die Hosen mache und sich die Nervosität auf ein gesundes Mass beschränkt. Allzu entspannt ist aber auch irgendwie besorgniserregend, oder etwa nicht?

Selbst die routinemässigen Startvorbereitungen verliefen ohne spürbare Anspannung. Da schien ein automatisches Programm abzulaufen, das mich zuerst den in Deutschland üblichen Zeitmess-Chip an den Schuhen anbringen liess, mich dann zum Gepäckdepot und anschliessend zum Aufwärmen auf die Strasse führte. Wenigstens das Aufwärmen brachte mich ein bisschen in Laufstimmung und ich spürte, dass mein Körper bereit war für die ausgiebige Stadtbesichtigung, die in einer halben Stunde ihren Anfang nehmen würde.

Im zweiten Startblock eingereiht hörte ich den Speaker mit vollem Einsatz Stimmung machen. Anständig, wie ich nun einmal bin, hüpfte ich ihm zuliebe wenigstens ein wenig an Ort und streckte brav meine Arme zum Himmel, damit die Presse das obligate Wir-warten-alle-auf-den-Startschuss-Foto schiessen konnte. So startete ich halt die Uhr und sagte mir: Komm, lauf einfach los. Versuche, dein Ding durchzuziehen und so schnell wie möglich ins Ziel zu kommen. Dann ist endlich Ausruhen angesagt.

Gesagt, getan. Pünktlich zum Startschuss war der Herr Reinhard dann auch im Kopf endlich soweit und das Abenteuer konnte beginnen. Onkel Greifs Taktik sah vor, die ersten 15 km im Schnitt von 4:32 min/km anzugehen, dann zwischen KM 16 und 25 auf 4:25 min/km zu beschleunigen und den Rest wenn möglich in 4:29 min/km durchzuziehen. Somit würde eine Endzeit von 3:09.15 erreicht, was trotz aller Trägheit vor dem Start noch immer mein erklärtes Ziel war.

Schon die ersten paar Kilometer blieb ich leicht unter den geplanten 4:32, was zu erwarten war, denn ich hielt mich bislang noch nie gänzlich an diese langsameren Kilometer, sondern liess es einfach laufen. Solange ich ohne grosse Anstrengung vorwärts komme, halte ich mich nicht künstlich zurück. Das mag im Bereich, in dem ich mich aktuell bewege, locker möglich sein. Greif hat sein Buch aber vor allem auch für schnellere Läufer mit Zeiten deutlich unter 3 Stunden geschrieben – und da wird diese Tempogestaltung wohl eine ganz andere Bedeutung haben und man läuft nicht mehr einfach so ein paar Sekunden schneller als geplant und fühlt sich auch noch wohl dabei.

Was die Kilometerzeiten betrifft, so lag ich bis zur Rennhälfte jederzeit im grünen Bereich. Oft lief ich sogar schneller als im Schnitt vorgesehen. Die Temposteigerung bei KM 15 verlief denn auch fliessend, wie es Greif vorausgesehen hatte – der Mann hat eben wirklich Erfahrung und weiss, wovon er spricht!

Auf der Uhr war also alles in bester Ordnung. Anders sah es vom Gefühl her aus. Schon nach wenigen Kilometern fühlten sich meine Beine schwer an und ich hatte den Eindruck, dass auch die Bewegungsabläufe nicht sehr rund waren. Irgendwie war da Sand im Getriebe und ich holperte mehr über die Strecke als dass ich sauber lief. Spannend war, wie in diesem Moment das Laufgefühl die Oberhand behielt und mein Gehirn den an sich guten Zeiten, die mir die Uhr anzeigte, wenig Bedeutung schenkte. Nach rund 18 km fehlte mir gar der Biss, die angesteuerten 3:09 h weiter zu verfolgen und ich freundete mich mit dem Gedanken an, irgendetwas um 3:12 h zu laufen – einfach ein bisschen schneller als in Warschau.

Doch wie schon auf die erste, verkorkste Trainingsphase eine zweite, wesentlich bessere folgte, drehte sich das Blatt bei der Halbmarathonmarke zu meinen Gunsten. Kaum an der Halbmarathon- / Marathonweiche vorbei, spürte ich den Drang, den Antritt zu verschärfen, damit ich wenigstens nicht jetzt schon Tempo einbüssen musste. Statt wie erwartet eher mühsam gelang mir das fast mühelos und ich fühlte mich bald schon wohl in der Pace um 4:23 herum. Auch nach KM 25, als ich eigentlich den Rest wieder etwas langsamer in 4:29 min/km hätte einpegeln können, konnte ich das Tempo weiter hochhalten.

Was nun? Den Moment nutzen und weiter Boden gut machen? Oder doch lieber vorsichtig sein und etwas Zug rausnehmen, um ja nicht einige Kilometer weiter einzubrechen und das Tempo vollends aufgeben zu müssen? Ich entschied mich für die erste Variante und sagte mir, wenn es nun nach mehr als 25 km endlich gut läuft, dann geniesse ich das auch. Da nehme ich jeden Kilometer gerne mit und wenn es mir dann irgendwann die Beine absägt und der böse Hammermann, an den ich schon vor einem Jahr in Lausanne nicht mehr geglaubt hatte, doch noch auferstehen sollte, so soll er doch. In diesem Fall würde ich halt die Zielzeit aufgeben und versuchen, das Rennen einfach halbwegs anständig zu Ende zu laufen.

Aber der Einbruch blieb aus. Er kam weder bei KM 30, noch bei KM 35, wo er bisher spätestens eingetreten war. Im Bewusstsein darum, dass es nun nur noch 7 km bis ins Ziel waren, fasste ich endgültig den Mut, den Lauf durchzuziehen und nicht auf einmal mit voller Hose zu laufen. Und es lohnte sich! Was dann folgte, ist in Worten kaum zu beschreiben. Da läuft man 35 km, wovon 21 mühsam und harzig waren – und dann wachsen einem auf einmal Flügel. Zählte ich in Warschau die letzten Kilometer noch fast in Hundert-Meter-Schritten herunter, so flogen mir die Kilometertafeln in Karlsruhe förmlich entgegen. Irgendwann tauchte das magische 40-km-Schild auf und kurz darauf sah ich schon die Tafel bei KM 41.

Der letzte Kilometer wurde schliesslich zum Triumphzug für jede und jeden, der gestern dort durchgelaufen ist. Die Strecke führte durch einen eng abgesteckten Korridor dem Beiertheimer Stadion entgegen. Auf beiden Seiten war der Weg dicht gesäumt von Zuschauern, die jede einzelne Teilnehmerin und jeden einzelnen Teilnehmer auf diesen letzten paar hundert Metern antrieben und förmlich ins Stadion trugen. Der Zielbogen war in Sichtweite, die Tartanbahn fühlte sich angenehm weich an unter den Füssen und so wagte ich am Ende sogar einen kurzen Schlussspurt ins Ziel. Uhr gestoppt und Bauklötze gestaunt: 3:07.42 – was für ein riesengrosser Kontrast zwischen der befangenen Trägheit vor gut drei Stunden und der unbeschreiblichen Euphorie jenseits der Ziellinie!

Wäre dieser Zustand nicht allen um mich herum gleichermassen ins Gesicht geschrieben gewesen, hätte man mich wohl aufgrund meines anhaltenden breiten Grinsens und des verklärten Blicks umgehend zur Dopingkontrolle gebeten. Die hätte allerdings ausser ein paar Tropfen Iso-Gesöff und dem zum Glück nicht mehr auf der Dopingliste stehenden Koffein nichts angezeigt.

Stattdessen lockte der vielgepriesene „Runner’s Heaven“, die beim Baden-Marathon begehrte grosszügige Zone der Zielverpflegung. Und wie grosszügig die war! Vorbei an Apfelschorle, Iso-Gesöff, Cola-Mix und Tee lief ich schnurstracks auf die Theke mit den alkoholfreien Bierspezialitäten der örtlichen Brauerei Hatz Moninger zu. Wer einmal nach einem Marathon-Zieleinlauf als erstes ein alkoholfreies Weizenbier mit Blutorangenaroma getrunken hat, will nichts anderes mehr! Lecker, regenerierend und sehr erfrischend. Das war aber erst die Hälfte der Verpflegungsmeile. Es folgten Laugenknoten und Semmeln mit Käsestückchen, Kräuterquarkschnittchen und sicher noch weitere Leckereien, die ich aber in diesem Moment weder aufnehmen noch verdauen konnte.

So schnappte ich mir noch eine zweite Flasche Hatz Moninger (diesmal mit dem für ein alkoholfreies Bier sinngemässen Namen „Bleifrei“) und verliess den Runner’s Heaven und mit ihm das Beiertheimer Stadion in Karlsruhe – den Ort, an dem ich gestern gut vorbereitet, verhalten gestartet und schliesslich auf den letzten Kilometern unglaublich beflügelt eine neue persönliche Bestzeit erreicht habe, von der ich im Vorfeld nicht zu träumen gewagt hätte. Den nächsten Marathon plane ich für den Frühling 2016. Wo genau ich an den Start gehe, steht noch nicht fest. Die neue Zielzeit versucht sich aber schon hartnäckig bei mir im Hinterkopf einzunisten …