foto1
Running text caption 1
foto1
Running text caption 2
foto1
Running text caption 3
foto1
Running text caption 4
foto1
Running text caption 5
Running free since 2010

04.10.15  Blog-Check Murtenlauf 2013 / 2015: Was stimmt und was ist völliger Chabis?

Bevor ich mich ans Werk machte, um zum 82. Murtenlauf von heute Vormittag einen Blogbeitrag zu schreiben, las ich weiter hinten auf meiner Blogseite nach, was ich denn anlässlich meiner letzten Teilnahme vor zwei Jahren Geistreiches geschrieben habe. So wahnsinnig geistreich war es dann doch nicht – oder zumindest nicht alles. Grund genug, den Beitrag vom 6. Oktober 2013 einem sorgfältigen Check zu unterziehen und meine Empfindungen von damals mit dem Erfahrungs- und Trainingsstand von heute zu vergleichen.

Morat - Fribourg war vor zwei Jahren die grosse Herausforderung in meiner damaligen Saison. Noch nie zuvor war ich über 17 km gelaufen und ich hatte grossen Respekt vor diesem Lauf. Angekommen bin ich, die persönliche Zeitvorgabe von unter 1:40 h habe ich mit 1:39.46,3 knapp erfüllt (wie so oft ging es um wenige Sekunden ...) und geblieben ist davon vor allem eines: die Erinnerung an den bisher schönsten Lauf meines Läuferlebens. Nie zuvor war die Stimmung am Strassenrand besser, die Herausforderung grösser und das Ankommen im Ziel schöner. Auf dem Heimweg stand für mich deshalb fest, dass es nicht mein letzter Murtenlauf sein würde.

So weit, so gut. Bis jetzt kann ich auch zwei Jahre später noch hinter den Zeilen von damals stehen. Das Publikum entlang der Strecke Murten – Fribourg ist nach wie vor enorm begeisterungsfähig und unterstützt die Läuferinnen und Läufer lautstark. Motivation pur. Was die Herausforderung und die Zielankunft betrifft, so sind in den letzten zwei Jahren natürlich noch viele weitere schöne Momente dazugekommen, so dass ich das nicht mehr so absolut sehen möchte. Dass es aber auch heute nicht mein letzter Murtenlauf war, das steht hingegen auch schon fest! Schliesslich gilt es, den eingespielten Zweijahresrhythmus fortzusetzen.

Heute fuhr ich früh morgens wieder nach Murten, diesmal zur 80. Austragung dieses geschichtsträchtigen Gedenklaufs. Die Ausgangslage war nicht mehr ganz dieselbe. Mit einer Zeit von 1:39 würde ich mich definitiv nicht mehr zufrieden geben, zumal der Lauf vom Start bis ins Ziel auf feinstem Asphalt verläuft, der mir eigentlich sehr gut liegt. Da wollte und musste ich mich an der Richtzeit der diesjährigen 10 Meilen Laufen mit 1:14 (auch wieder knapp unter 1:15 …) für 16.1 km orientieren. Die Streckenführung musste wegen der Baustelle der neuen Poyabrücke in Fribourg geringfügig angepasst werden, so dass sie dieses Jahr nicht wie sonst 17.17 km, sondern 17.45 km lang war. Bei der Umleitung handelte es sich lediglich um eine Ehrenrunde um die BCF Arena des HC Fribourg-Gottéron, der heute weichen und auswärts gegen den Z antreten musste.

Hier zeigt sich bereits eine gewisse mathematische Schwäche. Die 10-Meilen-Zeit einfach so für eine um einen Kilometer längere Strecke zu übernehmen, kann irgendwie nicht aufgehen … Die Sub-1:15 waren auch heute mein Ziel – diesmal aber realistisch. Die Strecke war wieder 17.17 km lang, der kleine Umweg von 2013 blieb eine einmalige Ausnahme.

Geht man davon aus, dass die Streckenführung beim Murtenlauf weniger anspruchsvoll und etwas schneller ist als in Laufen, so sollte ich eine Zeit von 1:20 eigentlich schaffen. Das meinten auch die Veranstalter und teilten mich in den Block C ein, dessen Vorgabezeit die besagten 1:20 waren. Soweit also alles klar und nach dem Aufwärmen fühlte ich mich denn auch frisch und munter, wenn auch etwas „unterkoffeiniert“, da es anders als 2011 nicht mehr für eine Tasse Kaffee im Restaurant Fontana im malerischen Städtli von Murten gereicht hatte.

Dass der Murtenlauf weniger anspruchsvoll ist als die 10 Meilen Laufen, würde ich heute nicht mehr behaupten. Im Gegenteil, ich wusste gar nicht mehr, dass sich die Route von Murten nach Fribourg teilweise über so lange Streckenabschnitte bergauf zieht. Meine Einschätzung heute fällt demnach etwas vorsichtiger aus: Murten – Fribourg ist nicht weniger anspruchsvoll als Laufen, einfach anders. Mein Koffeinmanagement hat sich in der Zwischenzeit auch verbessert, so dass ich bereits reichlich eingepegelt in Murten angekommen bin und das Restaurant Fontana nur vom Pissoir aus gesehen habe – aber dazu gegen Ende mehr.

Die ersten zwei Kilometer waren schnell – zu schnell, wie sich später herausstellen sollte. Im Block C waren eben nicht nur Immer-knapp-die-Vorgabezeit-Erfüllende wie ich dabei, sondern auch Immer-knapp-unter-der-Vorgabezeit-des-vorderen-Blocks-Bleibende und so wurde ich zu einem Tempo von 4:15 min. auf dem ersten und 4:17 min. auf dem zweiten Kilometer verleitet. Doch bereits beim ersten leichten Anstieg merkte ich, dass ich zu diesem frühen Zeitpunkt im Rennen schon erstaunlich müde war und ich musste wohl oder übel etwas Tempo rausnehmen. Fortan bewegten sich die Kilometerzeiten stets zwischen 4:45 min. und 4:55 min., ab und zu auch mal über 5 Minuten. Die 1:20 h lagen dadurch in weiter Ferne, zumal noch die nette Steigung von La Sonnaz bevorstand.

Auch heute zeigte sich ein ähnliches Bild, wenn auch mit einer anderen Pace. Inzwischen im Block B eingereiht, war die 4:15-Pace meine persönliche Vorgabe. Aber auch heute liess ich mich auf den ersten Kilometern von den schnelleren Läufern im Block mitziehen und lief den ersten Kilometer prompt in 3:42. Später kamen noch 2 – 3 weitere Kilometer unter vier Minuten dazu, doch insgesamt lief ich die Strecke am Ende im Schnitt von 4:12 min/km.

Allmählich konnte ich aber meinen Rhythmus finden und das Tempo einigermassen halten, wobei ich immer das Gefühl hatte, irgendwie verknorzt zu laufen. Genau diesen Eindruck bestätigte später Viktor Röthlin auf seine Beine bezogen in Facebook. Ich lief also auf Augenhöhe mit der Elite, wenn auch nur in Bezug auf die Schwierigkeiten.

Davon war heute nichts zu spüren. Es lief mit jedem Kilometer besser und bei KM 11 war ich für einen kurzen Moment sogar etwas betrübt darüber, dass nur noch 6 km folgen würden. Gleichzeitig verspürte ich eine Riesenlust, diese sechs Kilometer noch richtig durchzuziehen. Vom Laufgefühl her also wesentlich besser als 2013.

Spätestens in Courtepin liess ich die Zielzeit mal Zielzeit sein und freute mich stattdessen über die erneut fantastische Stimmung am Streckenrand. Es hat sich einmal mehr bewahrheitet: Das beste Strassenpublikum findet man an Läufen in der Romandie! Da standen ganze Familien am Strassenrand, bis an die Zähne mit Weissweinflaschen bewaffnet und feurten die sich abquälende Läufermeute an, während sie sich selber dem Verzehr von köstlichem Gruyière AOC widmeten.

Yep, das beste Strassenpublikum findet man auch im Jahr 2015 in der Romandie und auch heute sah ich wieder zahlreiche Genusszuschauer, die mit den bereits vor zwei Jahren erwähnten regionalen Spezialitäten ausgerüstet in ihren Vorgärten sassen und das Geschehen auf der Laufstrecke über den Rand des Weissweinglases hinweg analysierten.

Bei La Sonnaz herrschte wie angekündigt Partystimmung pur und entlang des Aufstiegs über saftige Kuhweiden säumten noch grössere Menschenmassen die Strasse, die nicht nur die Elite, sondern auch uns Freizeitläuferinnen und -läufer mit grosser Begeisterung antrieben. Da wähnte man sich schon fast bei der Ankunft auf der Alp d'Huez an der Tour de France, nur war unser Anstieg nicht so lange und nicht so steil. Überhaupt wird La Sonnaz meiner Meinung nach viel zu sehr überschätzt. Einen ähnlichen Anstieg läuft man bei den 10 Meilen Laufen schon kurz nach dem Start, ohne dass ihn je jemand erwähnen würde. Der wirklich giftige Anstieg folgte erst noch. Die letzten 1.5 km in Fribourg die Stadt hinauf ins Ziel haben es in sich.

Einen solchen Blödsinn habe ich in all den bisherigen Blog-Beiträgen wohl nur sehr selten von mir gegeben … Nichts gegen die beiden Anstiege beim 10 Meilen Laufen. Dass diesem Lauf meine volle Begeisterung gehört, ist längst kein Geheimnis mehr. Aber der Anstieg bei La Sonnaz ist alles andere als harmlos – vor allem, wenn man nach zwei Jahren nicht mehr weiss, dass nach dem ersten Teil noch ein zweiter folgt und man sich schon freut, die Passage so flüssig hinter sich gebracht zu haben … Da staunte ich nicht schlecht, als ich kurz nach dem ersten Anstieg auf das zweite, noch etwas steilere Stück zulief. Das mit der Partystimmung trifft jedoch unverändert zu. Da läuft man einfach gerne hoch – egal, wie anstrengend es auch ist. Die vielen Leute, die sich bei La Sonnaz am Streckenrand versammeln, haben einen grossen Anteil am erfolgreichen Zieleinlauf der Teilnehmenden vier Kilometer später!

Doch auch das klappte und am Ende schaffte ich es in 1:23.39,1 ins Ziel – eigentlich gar nicht so viel daneben. Mehr wäre heute beim besten Willen nicht möglich gewesen und ich bin sehr zufrieden, dass ich meinen kleinen Einbruch kurz nach dem Start auffangen und den Lauf letztlich zufriedenstellend ins Ziel bringen konnte.

Meine Zeit von heute lautet 1:12.07,9 und auch heute bin ich bestens zufrieden. Ob mehr möglich gewesen wäre, ist schwer abzuschätzen. Bei jedem Lauf, bei dem man nicht hinter der Ziellinie zusammenbricht, wäre grundsätzlich mehr möglich gewesen. Ich denke aber, dass ich meinen Lauf heute sehr gut einteilen und die Pace über die gesamte Distanz hinweg konstant hoch halten konnte. Zwei Wochen nach dem Baden-Marathon stimmt mich dieser Murtenlauf jedenfalls zuversichtlich, vor allem auch im Hinblick auf die weiteren Herbstrennen in den kommenden Wochen. Die Saison ist noch lange nicht vorbei und das ist gut so!

Zum Schluss nochmals kurz zurück zum Restaurant Fontana. Dort standen heute – wie auch an verschiedenen weiteren Stellen rund ums Startgelände in Murten – zwei mobile Einrichtungen zum Wasserlösen. Keine Ahnung, wie der richtige Fachausdruck lautet. Freiluft-Urinal vielleicht? Oder eher „Meet’n’Piss“? Oder vielleicht Herren-TOI-TOI? Ich weiss es nicht. Jedenfalls nennen wir die im OK des 10 Meilen Laufen liebevoll „Piss-Insel“ und ich denke, die Bezeichnung passt gar nicht mal so schlecht. Aber muss man darüber im Blog wirklich ein paar Worte verlieren? Ja, muss man! Denn die Piss-Insel ist mitunter die beste Erfindung, die in den letzten Jahren im Laufsport (und sicher auch anderswo) Einzug gehalten hat. Vorbei sind die Zeiten, als Mann sich zusammen mit den Damen in endlosen Schlangen vor den TOI-TOI-Kabinen anstellen und hoffen musste, seine Blase doch noch vor dem Startschuss entleeren zu können. Dank der Piss-Insel geht das heute viel einfacher und viel schneller. Einlaufen – letzter Schluck aus der Wasserflasche – die Piss-Insel im Startgelände aufsuchen – und ab an den Start. Und weil es auch heute noch viele Männer gibt, die lieber bei den Kabinen anstehen, damit ja niemand etwas sieht, das man auch bei der Piss-Insel entweder ohnehin nicht oder dann durch die Seitenwände abgeschirmt auch nicht sieht, hat Mann zumindest vorläufig jederzeit freien und direkten Zugang zu diesen wirklich sehr praktischen Sanitäreinrichtungen. Aus diesem Grund gilt mein heutiges Schlusswort der Piss-Insel!