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07.09.13  Länger, weiter, höher – das Berglauf-Debut am Chasseral

April. Alles beginnt beim 24-Stundenlauf in Basel, dem Sri Chinmoy Self-Transcendence Run. Da finde ich Gefallen an der Idee, auch einmal einen Self-Transcendence Run zu laufen, möge er auch nur für mich selber selbsttranszendierend sein und mich an meine Grenzen bringen.

Juni. Die Räucherstäbchenschwaden vom 24-Stundenlauf haben sich längst verzogen, die Sitarklänge sind verstummt. Geblieben ist der Entschluss, zu Beginn der Herbstsaison einen für mich neuen, ungewöhnlichen Lauf zu planen. Der Freiburg-Halbmarathon und die 20 km de Lausanne waren persönliche Erfolgserlebnisse und mit den 10 Meilen Laufen steht die letzte Herausforderung der ersten Saisonhälfte vor der Tür. Zeit also, sich um die Feinplanung für den Herbst zu kümmern. Muttenz und der Basler Stadtlauf stehen als Fixpunkte bereits fest, Morat-Fribourg ist so gut wie sicher und vielleicht kommt noch der eine oder andere Lauf dazu. Es fehlt aber noch etwas ganz Neues. Ein Lauf, bei dem die Zielzeit zweitrangig ist und es in erster Linie darum geht, einigermassen würdevoll anzukommen. Der Abgleich des Familienkalenders mit dem Laufkalender von Swiss Running zeigt schon bald, dass der Course VCV der passende Anlass für mein Vorhaben ist. Der VCV ist ein Lauf über knapp 26 km und 1000 Höhenmeter von Villeret im Berner Jura auf den Chasseral und zurück. Ein anspruchsvoller Lauf in einer wunderschönen Landschaft also.

Juli. Die erste Saisonhälfte ist Geschichte, die 10 Meilen Laufen konnte ich mit neuer persönlicher Bestzeit beenden. Es ist also alles in bester Ordnung. Vor mir liegen zwei Monate freies Training, d. h. Laufen nach Lust und Laune, ohne Intervalltrainings und mit Läufen, bei denen das Erkunden neuer Routen wichtiger ist als die Trainingszeit. Die 1000 HM habe ich dennoch im Hinterkopf und so führen mich die Sommertrainingsläufe dieses Jahr vermehrt auf die Jurahöhen rund ums Laufental. Mit zwei Läufen über 27 km bzw. 30 km nähere ich mich zudem auch distanzmässig dem Lauf auf den Chasseral an. Doch der ist noch weit weg und grüsst erst einmal von der Ferne auf einer gemütlichen Familienwanderung von Magglingen auf den Twannberg.

August. Die Ferien sind vorbei und es wird auch langsam Zeit, an den Auftakt zur Herbstsaison am 7. September zu denken. Bergtrainings werden wieder durch härtere Intervalltrainings ergänzt. Ich habe das Gefühl, die Form stimmt. Trotzdem habe ich auf keinem meiner Trainingsläufe mehr als dreihundert Höhenmeter überwunden und in Villeret warten deren tausend auf mich. Aber wie war das nochmal? Ach ja, ein Self-Transcendence Run sollte es ja werden. Da werde ich also über mich hinauswachsen müssen. In Wirklichkeit sieht es etwas nüchterner aus. Ich muss letztlich am Abend wieder zu Hause sein und möglichst selbstständig und ohne Besenwagen nach Villeret zurückfinden. Also, locker bleiben und sich auf die schönen Jurawälder, die wilde Landschaft in der Combe-Grède und nicht zuletzt auf das prächtige Panorama auf der Krete des Chasserals freuen.

7. September, 9:30 Uhr. Da stehe ich nun am Start mitten im beschaulichen Örtchen Villeret, 741 Meter über Meer. Der VCV ist kein Grossanlass, obwohl die Zahl der startenden Läuferinnen und Läufer in den letzten Jahren stetig zugenommen hat, wie OK-Präsident Walthert den rund 180 anwesenden Laufbegeisterten mitteilt. Laufbegeisterte oder Verrückte, wie man’s nimmt. Die meisten scheinen sich ihrer Sache sicher zu sein, jedenfalls den entschlossenen Blicken nach zu urteilen. Viele davon sind offenbar auch Wiederholungstäter. Einige haben sogar an allen dreizehn bisherigen Austragungen teilgenommen, wie Walthert stolz verkündet.

Für mich werden die kommenden 25.9 km im wahrsten Sinne des Wortes Neuland sein, denn ich kenne die Region rund um den Chasseral noch überhaupt nicht. Das ist vielleicht auch besser so. Auch der Umstand, dass der Nebel die Sicht auf die vor mir liegende Combe-Grède verhüllt, ist vielleicht gar nicht so schlecht. Die Combe-Grède ist eine tiefe Schlucht, auf deren rechten Seite die Laufstrecke über  einen steilen Waldweg hinaufführt.

Also, los geht’s! Persönliche Vorgabe: Zieleinlauf in weniger als 3 Stunden und sonst einfach gesund und ganz ankommen. Eigentlich machbar. Der Startschuss fällt und das Feld nimmt die erste leichte Steigung aus dem Dorf hinaus Richtung Combe-Grède unter die Füsse. Oberhalb der Schlucht wartet die erste Verpflegungsstation. Zudem werde ich an diesem Punkt bereits 500 Höhenmeter bewältigt haben, die Hälfte also. Aber bis dahin liegt noch ein grosses Stück Arbeit vor mir. Zuerst führt der Weg sanft ansteigend in den Wald. Der Waldboden ist mit zahlreichen Steinen durchsetzt, was für etwas technischen Anspruch sorgt. Jura ist aber Jura und so kenne ich diese Art Waldweg von zu Hause bestens. Nach rund einem Kilometer nimmt die Steigung zu. Der Weg ist mit vielen engen Passagen gespickt, die jeweils nur durch eine Person auf einmal begangen werden können. Man läuft also quasi in Reih und Glied, was für mich ok ist, da ein Überholen sowieso nicht in Frage käme.

Die Spitze ist längst über alle Berge und der Tross dahinter müht sich in Einerkolonne langsam und stetig den Hang hinauf. Ein kurzes Zwischenstück bergab sorgt für etwas Erholung, doch dann geht es noch steiler aufwärts. Jetzt gehen die meisten vom Laufschritt in ein zügiges Marschieren über. Ich auch.

Endlich sehe ich die Métairie des Plânes, wo wir durch ein reichhaltiges Verpflegungsbuffet für die Strapazen des Aufstiegs belohnt werden. Neben Tee und Isogetränken steht auch Bouillon bereit, die ich dankend annehme. Bananen, Brot und Schokolade der in der Region ansässigen Chocolat Camille Bloch runden das Ganze ab. Nach einem kurzen Stück bergab, das eine ordentliche Tempoverschärfung zulässt und somit für erhöhten Laufspass sorgt, stehen wir vor dem nächsten heftigen Anstieg. Wenige hundert Meter nur, dafür über 200 Höhenmeter hinauf. Im Gegenzug folgt nun eine flache Passage über üppige Grasweiden und vorbei an zahlreichen Kühen, die uns mit grossem Interesse beobachten und sich wohl die eine oder andere Frage über unser Tun stellen. Nach weiteren vier Kilometern folgt mit der Métairie de la Meuringe die zweite Verpflegungsstation. Inzwischen sind wir 9 km gelaufen und auf 1383 m angekommen. Die dritte Station folgt bereits in wenigen Kilometern, doch zuerst gilt es einmal mehr, eine vor uns liegende Höhe zu erklimmen. Der Wechsel zwischen Laufschritt im Flachen und zügigem Marschieren am Berg klappt bis jetzt sehr gut und schafft das nötige Vertrauen, dass es so weiter gehen wird.

Bis zum höchsten Punkt auf dem Chasseral sind es noch 5 km und 300 HM. Doch die endlos langgezogene Krete von der Métairie du Milieu auf den Chasseral entpuppt sich als echte Pièce de résistance. Mal ein paar Meter hinauf, dann wieder geradeaus, dann wieder über viel zu grosse Felsbrocken hinauf. Und das alles mit Beinen, die auch nicht frischer werden.

Endlich bin ich ganz oben beim imposanten Sendeturm, der aber auch das einzig Sehenswerte ist. Der Chasseral-Gipfel liegt nämlich in dickem Nebel, so dass man kaum 50 Meter weit sieht. Im Blindflug geht es also talwärts, natürlich mit dem erhabenen Gefühl, doch ein echter Siebesiech zu sein.

Diese Erhabenheit verzieht sich jedoch wenige hundert Meter weiter, als die Strecke nochmals in einen giftigen Anstieg mündet, der noch steiler scheint als alle bisherigen. Passend dazu sitzen am Fuss des Berges ein paar vergnügte Wanderer im Gras und schicken uns mit beherzten „Courage!“-Rufen zum finalen Hochkraxeln in den Hang. Auf einen Anstieg mehr oder weniger kommt es aber im Grunde genommen auch nicht mehr an und so nehme ich auch diese Hürde gerne. Naturgemäss hat jede Steigung auch irgendwann ein Ende. So auch diese. Oben angekommen, habe ich die Gewissheit, dass es von nun an nur noch bergab geht. Wird der letzte Teil jetzt zum Spaziergang?

Nicht im Geringsten! Die wahre Herausforderung dieses Laufes folgt erst noch. Knappe tausend Höhenmeter in weniger als 10 km, das kann nur steil – ja, steilstens – bergab gehen. Da ich allgemein kein starker Bergabläufer bin und dieses letzte Stück wieder über rutschige, steinige Waldwege ins Tal hinab führt, wird meine Konzentration noch einmal heftig auf die Probe gestellt. Die Geschwindigkeit ist dabei mein kleinstes Problem. Vielmehr muss ich höllisch aufpassen, nicht auszurutschen und so kurz vor dem Ziel zu stürzen. Eine Weile lang bin ich ganz alleine unterwegs. Vor mir und hinter mir ist niemand zu sehen. Da plötzlich nahen zwei Läufer von hinten heran, überholen mich und preschen in einem Wahnsinnstempo abwärts. Mir kommt dabei spontan der Vergleich mit der Streif in Kitzbühel in den Sinn. Dieser letzte Abstieg könnte man ruhig als Hahnenkamm von Villeret bezeichnen. Wer da in vollem Tempo abwärts läuft, ist entweder mutig oder völlig verrückt, in jedem Fall aber technisch sehr stark. Ich dagegen nähere mich schon fast in Zeitlupe dem Tal, immer auf der Hut, den Schritt sauber aufzusetzen und ein mögliches Rutschen gut abzufangen.

Endlich endet der Waldweg und die letzten 500 Meter des Rennens darf ich auf einer gepflegten Asphaltstrasse talwärts donnern. Ja, donnern! Denn dieses ewige Bremsen und vorsichtige Tappen auf dem Abstieg liess mich zeitweise vergessen, dass ich an einer Laufveranstaltung war. Doch nun gilt es nochmals, richtig Tempo zu machen. Eine Linkskurve, dann eine Rechtskurve und dann noch 50 Meter bis ins Ziel. Ankunft in 2h55. Vorgabe erfüllt.

7. September, 21:00 Uhr. Das Sympathische am VCV ist, dass er eine eher kleine Veranstaltung ist. Die Zeitmessung erfolgte auch nicht durch Datasport, wie an den meisten bekannten Läufen üblich, sondern wurde alleine durch das OK bewältigt. So ist es auch verständlich, dass aktuell noch keine Zeiten und Ranglisten im Internet aufgeschaltet sind. Die offizielle Zielzeit wird aber an dieser Stelle ergänzt, sobald sie veröffentlicht worden ist.

Ja, wie war das nun mit dem Self-Transcendence Run. So wirklich transzendierend war das Ganze nicht und das habe ich auch nicht wirklich erwartet. Ich wollte aber mal wissen, ob ich auf einem Berglauf überhaupt eine Chance habe. 26 km im Flachen sind schon länger kein Problem mehr, aber mit einer solch grossen Höhendifferenz? Umso zufriedenstellender ist nun die Erkenntnis, dass es möglich ist und ich auch vor Läufen mit grösseren Höhenunterschieden nicht weiter zurückschrecken muss. Der Lauf heute war länger, weiter und höher als alle bisher bestrittenen Läufe.

Aber ehrlich gesagt freue ich mich jetzt doch sehr auf den 80. Murtenlauf in einem Monat, der zwar auch einige Steigungen hat, insgesamt aber vor allem ein herrlich schönes Strassenrennen ist – genau so, wie ich es mag.

 

Nachtrag vom 8. September 2013: Die offizielle Zeit lautet 2:55.05,88 (Rang 45 von 62 in der Altersklasse, Rang 107 von 145 im Gesamtklassement).