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08.04.14  Die letzten 42.195 km von »Paris 2014«

Mein Hotel in Paris hatte wirklich nicht viel zu bieten, was in Anbetracht des sehr günstigen Preises auch nicht anders zu erwarten war. Dennoch funktionierte die angekündigte W-LAN-Verbindung perfekt und so konnte ich die wichtigsten Infos und Eindrücke der letzten drei Tage mehr oder weniger in Echtzeit auf Facebook posten. Zum Abschluss des Projektes blicke ich nochmals auf den „D-Day“ vom 6. April zurück.

05:20 Uhr – Hotel Bristol, Paris

Nach einer eher unruhigen, aber erstaunlicherweise trotzdem erholsamen Nacht konnte ich nicht mehr weiterschlafen. Einerseits war da der bereits wieder beachtliche Lärm von der Strasse (es war doch Sonntagmorgen??), andererseits die noch immer unerträgliche Luft im Zimmer. Vor mir musste wohl ein Kettenraucher in diesem Zimmer gewohnt haben, denn anders kann ich mir die rauchgeschwängerte Luft kaum vorstellen. „Nichtraucher-Zimmer“ bedeutet im Hotel Bristol wohl, dass der Gast im Zimmer nicht rauchen muss, wenn er das nicht will … Jedenfalls nutzte ich die Zeit bis sieben Uhr, um gemütlich zu frühstücken. Dazu hatte ich extra Vollkornbrötchen und Ovomaltine-Brotaufstrich mitgebracht. Auch den Wasserkocher hatte ich mitgeschleppt in der Hoffnung, mir früh morgens einen heissen Kaffee brauen zu können. Leider liess sich der dreipolige Stecker aber auch mit dem vor Ort gekauften Adapter nicht anschliessen. So bestand mein Morgengetränk aus kaltem Mineralwasser mit Kaffeepulver. Hauptsache Koffein, egal in welcher Form. Zum Schluss folgte die erste von vielen Bananen an diesem Tag.

06:50 Uhr – Auf dem Weg zum Start

Nachdem ich alles Material nochmals kontrolliert hatte, war ich bereit für den grossen Tag und machte mich auf Richtung Metro. Bereits im ersten Metroschacht traf ich auf weitere Läufer, allesamt wild entschlossen und mit knisternden Abfallsäcken eingekleidet durch die Gänge schreitend. Im Zug selber waren wir dann die grossen Gladiatoren auf dem Weg ins Kolosseum. Da und dort hörte man Touristen tuscheln, die uns bewundernde Blicke zuwarfen. Wenn die uns einige Stunden später gesehen hätten …

07:15 Uhr – Champs-Élysées

Ich kam früh auf dem Startgelände an, sehr früh. Dafür wurde ich aber mit einer einzigartigen Stimmung belohnt. Da lagen die abgesperrten acht Spuren der Champs-Élysées vor mir, einzig durch ein paar Läuferinnen und Läufer bevölkert, die auch schon so früh unterwegs waren. Ich schnappte mir einen Becher Powerade am Getränkestand und schlenderte dann gemütlich mitten auf der Strasse zu meinem Startblock hinunter. Noch blieben eineinhalb Stunden bis zum Start. Genug Zeit also, mich bequem auf den Randstein zu setzen und die zweite von gefühlten achtzig Bananen zu verzehren. Ein Energieriegel kam noch dazu, alles gut hinuntergespült mit ausreichend Powerade und Wasser. Bevor der grosse Pulk eintraf, konnte ich noch ohne grosse Warteschlange die Toilette aufsuchen und war kurz darauf bereit für den Start. Weiter unten bei der Startlinie kündigte der Speaker den Favoriten Kenenisa Bekele an und Zehntausende vor und hinter mir jubelten lautstark. Das Fest war schon in vollem Gange und es kamen von allen Seiten auch immer mehr Läuferinnen und Läufer dazu.

08:45 Uhr – Champs-Élysées

Der Startschuss für die Elite fiel und Bekele sprintete los Richtung Concorde. Während das Feld Block für Block zur Startlinie aufrückte, animierten muntere Fitnessinstruktoren die hinteren Blöcke zu weiteren Warm-up-Übungen. Ich war noch einen Block von der Linie entfernt, nach der es kein Zurück mehr geben sollte.

09:05 Uhr – Champs-Élysées, Startlinie

Zwanzig Minuten nach Bekele wurde auch ich auf die Strecke geschickt und mit mir ein paar tausend weitere im Block mit Zielzeit 3 h 30 min. Dass es fast schon ein bisschen frech war, mich soweit vorne anzumelden, ahnte ich bereits im Vorfeld des Marathons. Nun lief der 3:30er-Hase von Beginn an forsch voran und ich musste aufpassen, ihn nicht schon auf den ersten Kilometern aus den Augen zu verlieren.

09:30 Uhr – Place de la Bastille

Die ersten 5 km waren geschafft. Mit einem Schnitt von 5 min/km war ich gut unterwegs. Ich versuchte, möglichst gemütlich zu laufen und das Tempo nicht gross zu forcieren. Mühsam war zu diesem Zeitpunkt aber das dicht gedrängte Feld, das es einem schwer machte, einen gleichmässigen Rhythmus zu finden. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch schon zwei meiner vier Gel-Tuben verloren, da die Idee mit der Befestigung am Trinkgurt mittels Gummiringen doch nicht so gut war. Die verbleibenden beiden Tuben steckte ich mir in die Hose. So konnte ich wenigstens diese noch retten.

09:55 Uhr – Bois de Vincennes

Die 10-km-Marke passierte ich nach 50:22. Das lag im Bereich der Zeiten, die ich in einem ruhigen Training zu Hause laufe. Noch zeigten sich keinerlei Ermüdungserscheinungen, weder im Kopf noch in den Beinen. Zudem ging es nun streckenmässig ein längeres Stück bergab, was ebenfalls zur Stärkung der Moral beitrug.

10:51 Uhr – Avenue Daumesnil

Der Halbe war geschafft. Die 21.1 km lief ich in 1:46.39. Damit war ich ziemlich genau gleich schnell wie bei meinem Halbmarathon-Debut 2011 in Basel. Viel wichtiger war aber, dass ich noch immer das Gefühl hatte, locker und ungezwungen Kilometer für Kilometer abspulen zu können.

11:12 Uhr – Voie Georges Pompidou

25 km waren geschafft. Von nun an ergänzte ich die Verpflegung mit den restlichen Gels, was zusätzlich für Antrieb sorgte. Zudem traf ich am Strassenrand meine Eltern, an denen ich zu diesem Zeitpunkt noch frisch und fröhlich vorbeitraben konnte. Kurz darauf folgte der lange Tunnel, der nicht nur Lady Di, sondern auch dem einen oder anderen Läufer zum Verhängnis wurde. Die Veranstalter meinten es wohl gut mit uns und peppten den dunklen Tunnel an drei Stellen mit kleineren Discos auf. Damit auch wirklich ein Disco-Feeling aufkommen konnte, verzichtete man auf diesen Metern auf die Strassenbeleuchtung und versuchte, durch Lasershows und Strobolichter Stimmung zu verbreiten. Leider waren wir aber nicht an einer Rave-Party, sondern an einem Strassenlauf und da gehört es nun einmal dazu, dass man auf die Strasse schauen muss, um die Leute vor sich und allfällige Flaschen auf dem Boden im Auge zu behalten. In der Dunkelheit gab es dann auch den einen oder anderen Sturz, vor denen ich zum Glück verschont blieb. Gegen Ende des Tunnels wurde auch die Luft immer stickiger und ich war froh, als ich endlich wieder das Tageslicht sehen konnte.

11:40 Uhr – Avenue Président Kennedy

Die 30-km-Marke war erreicht, der 3:30er-Hase inzwischen über alle Berge und ich musste aufpassen, dass mich nicht der berüchtigte Hammermann erwischte. Dabei wusste ich nicht so recht, wie ich dem entgegenwirken sollte. Noch mehr Gel in mich reinpumpen war wenig sinnvoll, da ich schon bis obenhin mit Zucker vollgetankt war. Bananen konnte ich schon seit Km 20 keine mehr sehen. Orangenschnitze waren zwar im Moment erfrischend, hielten aber nicht lange an. So hielt ich mich an die Wasserflaschen und schüttete mir immer mal wieder ein bisschen davon über den Kopf. Das erfrischte immerhin, auch wenn den Beinen damit nicht geholfen war. Diese wurden nun immer schwerer und müder.

12:09 Uhr – Porte d’Auteuil

Nun befand ich mich definitiv im Neuland. In der Vorbereitung war ich nie weiter als 33 km gelaufen. Ich wollte zwar einige Läufe über 35 km machen. Dazu war es aber wegen der Schienbeinentzündung nicht mehr gekommen. Apropos Schienbein: Das hielt sich bis zu diesem Zeitpunkt erstaunlich gut und selbst nach dem Lauf und auch zwei Tage später spüre ich rein gar nichts. Offenbar ist dieses Kapitel abgeschlossen. Hoffe ich zumindest. Aber zurück nach Paris: Ich hatte keine Ahnung, was mich jenseits der 33 km erwarten würde. Dementsprechend war ich auch unsicher, wie sehr ich noch auf das Tempo achten sollte und wann wohl der Zeitpunkt gekommen war, einfach nur noch durchzukommen. Die Zeit war mir jetzt völlig egal. Ich hatte auch aufgehört, die Kilometerzeiten zu stoppen und mit der Zeitentabelle an meinem Handgelenk zu vergleichen. Nun musste ich mich einfach darauf konzentrieren, weiterzulaufen. Beruhigend war, dass es den anderen um mich herum nicht besser ging. Nur ab und zu preschten einige von hinten durch und zogen davon. Viele blieben aber auch stehen und machten Pause oder legten sich gar am Strassenrand hin. Immerhin war ich noch laufend unterwegs, wenn auch mit einem schleppenden Gang.

Ab Km 37 war die halbe Strassenbreite gesperrt. Während sich auf der rechten Seite das Läuferfeld in kleinen Schritten dem nächsten Kilometer näherte, zogen auf der linken im Minutentakt die Krankenwagen an uns vorbei. Am Strassenrand lagen zahlreiche Läuferinnen und Läufer, teils mit Wärmefolie zugedeckt, teils mit Heulkrämpfen zusammengekauert. So tragisch das Bild war, so machte es mir aber auch Mut, weiterzulaufen. Denn schliesslich war ich noch immer unterwegs und musste die Segel noch nicht streichen.

Der magische Moment folgte bei Km 40. Dieses Schild mit der Aufschrift „40 km“ zu sehen, war genial! Nun wusste ich, dass ich den Lauf ins Ziel bringen würde – notfalls gehend und hinkend, aber ich würde ankommen. Das Teilstück zwischen Km 40 und Km 41 kam mir dann sehr kurz vor und ich war überrascht, so schnell schon das 41-er-Schild zu sehen. Von nun an hielt mich nichts mehr zurück. Der letzte Kilometer war noch in jedem Lauf der beste und so zog ich das Tempo nochmals ein bisschen an, soweit das noch möglich war. Die Zuschauer am Streckenrand trugen uns förmlich Richtung Avenue Foch, wo auch schon der grüne Zielbogen zu sehen war. Durchs Ziel, Uhr stoppen, GESCHAFFT!

12:53 Uhr – Avenue Foch

Es war vollbracht! Ich hatte soeben meinen ersten Marathon ins Ziel gebracht und konnte es kaum glauben. Erst nach einigen Minuten realisierte ich, dass auch die Zeit noch im Rahmen der Erwartungen war. Bei Km 37 hatte ich jegliche Ambitionen auf eine Zeit um 3:45 aufgegeben und wollte nur noch unter 4 Stunden ins Ziel kommen. Nun zeigte die handgestoppte Zeit ein Resultat von 3:48, das später offiziell mit 3:47.44 bestätigt wurde. Ein wunderschöner Abschluss dieses Projektes «Paris 2014», das im November 2013 begonnen hatte, von einigen Hochs und Tiefs geprägt war, aber am Ende doch zu meinem ersten Marathon-Finish geführt hat.

Und wie es sich für einen guten Film oder eben für ein gutes Projekt gehört, folgt am Ende der Dank an alle, die mich dabei unterstützt, ermutigt, beraten und sich mit mir gefreut haben:

  • Gabor Szirt für die guten Tipps und die Unterstützung im Verein Lauftreff beider Basel.
  • Dr. Christian Ludwig-Voellmy für den Health-Check.
  • Uli Wilhelm für die wertvollen und ermutigenden Kommentare auf Facebook.
  • Didi Schoch und Max Huber für die Erlaubnis, die Lehrergarderobe in der Turnhalle benützen zu dürfen.
  • Rahel Isenschmid und Romeo Arquint für das spannende Marathon-Buch.
  • Rahel Arquint für den Gutschein, der mich vor drei Jahren zu meinen ersten Laufschuhen und zur Marke ASICS gebracht hat.
  • Viktor Röthlin, Haile Gebreselassie, Mo Farah, Paula Radcliffe und Sabrina Mockenhaupt für die Inspiration als bewundernswerte Vorbilder.
  • Caballo Blanco für die Erkenntnis, dass wir Menschen zum Laufen geboren sind – may you keep on running in heaven.
  • allen, die meine Facebook-Seite geliket haben und mich durch ihre Likes und Kommentare ermutigen.

Und die Wichtigsten zum Schluss:

  • Mami und Papi für die Begleitung nach und in Paris und den Empfang im Ziel!
  • Nathalie, Mika und Janne für das Verständnis und die Unterstützung, die ihr mir seit Jahren entgegenbringt!
  • Nathalie für den entscheidenden Ansporn, doch nicht in Zürich, sondern in Paris zu starten – es war die richtige Entscheidung!