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27.04.14  2 an 1 Wochenende oder wenn Ankommen alles und die Zeit nichts bedeutet

So viel vorneweg: Ich bin gestern bei den 20 km de Lausanne und heute bei den 10 Meilen am Aargauer Volkslauf in Aarau gestartet und bei beiden Läufen ins Ziel gekommen. Die Zeiten sind allerdings erklärungsbedürftig: 1:45.49,6 in Lausanne (letztes Jahr 1:31.48,2) und 1:36.51,4 in Aarau (meine PB über 10 Meilen liegt bei 1:14.34,4). Aber alles der Reihe nach.

Schon bei der Planung der Saison 2014 im letzten Dezember stand die Teilnahme am diesjährigen Aargauer Volkslauf fest. Dies unter anderem mit dem Ziel, meine PB über 10 Meilen zu drücken, die von den letztjährigen „10 Meilen Laufen“ stammt. Auf dem flachen Kurs von Aarau sollte das möglich sein. Kurz darauf stellte ich fest, dass für den Vorabend die 20 km de Lausanne ausgeschrieben waren, ein Highlight der letzten Saison, das ich gerne auch wieder ins Programm aufgenommen hätte. Ich musste mich entscheiden und entschied mich für Aarau.

Wiederum einige Wochen später informierte das OK der 20 km de Lausanne auf seiner Facebook-Seite über einen Wettbewerb der Zeitung „24 heures“, bei dem es Gratisstartplätze für Lausanne zu gewinnen gab. Ohne gross zu überlegen nahm ich teil und wurde tatsächlich gezogen. Nun hatte ich also einen Gratisstartplatz für Lausanne. Gleichzeitig wollte ich aber auch Aarau nicht fallen lassen. Die Idee „2 an 1 Wochenende“ war geboren.

Mit dem Erfolg am Paris Marathon im Rücken schien das auch Mitte der letzten Woche noch kein Problem zu sein. Dann folgten eine üble Magenverstimmung und die Nacht auf Freitag, die ich zwischen Bett und Toilette pendelnd verbracht hatte, bevor ich mich am Freitag in erster Linie damit beschäftigte, genügend Cola und Salzstangen zu mir zu nehmen, um wieder einigermassen auf die Beine zu kommen.

Gestern Morgen fühlte ich mich wesentlich besser und machte mich frohen Mutes auf den Weg nach Lausanne. Selbst am Start war ich felsenfest davon überzeugt, eine gute Zeit laufen zu können. Die ersten 3 Kilometer dem See entlang Richtung Ouchy waren auch ganz passabel, wenn auch bereits langsamer als letztes Jahr. Bei der ersten von vielen Steigungen, die noch folgen sollten, war ich mir schon nicht mehr so sicher, ob mein Magen dieselbe Motivation hatte wie mein Kopf. Bei KM 4 dachte ich das erste Mal ans Aussteigen, wobei ich diese Gedanken auf den ersten paar Kilometern schon oft hatte und inzwischen weiss, dass ich das nicht so ernst nehmen muss. Das Gefühl wurde aber mit zunehmender Steigung nicht besser und auch die Kilometerzeiten waren inzwischen stark angewachsen. Wenigstens bis zum höchsten Punkt beim Château wollte ich durchhalten. Danach würde ich mich bergab erholen können.

Aber auch bergab blieb die erwünschte Erholung aus. Stattdessen fühlte ich mich schwächer und schwächer. Die angekündigten Gels bei KM 15, auf die ich mich schon gefreut hatte, liess ich buchstäblich links liegen und trank nur noch Wasser, da ich davon am ehesten überzeugt war, dass ich es behalten konnte.

Nach elend langer und vor allem langsamer Plackerei (inzwischen hatten mich schon die Tempomacher aus den zwei Startblöcken hinter mir überholt) kam ich wieder unten beim See an und hatte noch die letzten 2 Kilometer vor mir. Die würde ich notfalls gehen, um wenigstens ins Ziel zu kommen. Auf die Uhr schaute ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr. Auf dem letzten Kilometer hatte ich dann regelrecht mit Bauchkrämpfen zu kämpfen. Etwas, das ich bisher nicht gekannt hatte. Mehr schleppend als laufend drehte ich die erlösende Stadionrunde und kam ohne jeglichen Endspurt ins Ziel. Nun wollte ich nur noch zurück ins Hotel, duschen und mich dann hinlegen.

Doch schon kurz nach der erfrischenden Dusche war die Müdigkeit verflogen und ich hatte zum ersten Mal seit Donnerstagabend Hunger. Dank der perfekten Lage des „Hotel à la Gare“ direkt beim Bahnhof konnte ich mich bequem mit einem Hot-Sandwich eindecken, das auch den Magen wieder freundlicher stimmte. Das „Hotel à la Gare“ kann ich übrigens bestens empfehlen. Klein, gut ausgestattet, sehr sauber und eben: perfekt gelegen.

Heute Morgen um sieben versuchte ich im Hotelzimmer einige Hüpfer und kam zum Schluss, dass die Beine noch frisch genug waren und einer Weiterreise nach Aarau nichts im Weg stehen würde. Doch schon auf der Zugfahrt von Lausanne nach Bern überkamen mich erste Zweifel. Selbst nach dem Frühstück und der ersten Tasse Kaffee fühlte ich mich sehr müde und schlapp. Beim Umsteigen in Bern hatte ich dann die Wahl: auf der Passerelle rechts hinunter auf den Zug zurück nach Basel oder links hinunter auf den Zug nach Aarau. Ich war schon auf der Treppe Richtung Basler Zug, als ich es mir doch noch anders überlegte, wieder zurück und hinunter auf den Aarauer Zug ging. Da ich mich nicht vorher für den Lauf angemeldet hatte und mich so oder so noch nachmelden musste, hätte ich mich ja vor Ort immer noch gegen einen Start entscheiden und wenigstens meinen Kollegen anfeuern können, der heute seinen Einstand auf der 10-Meilen-Distanz gegeben hat.

Mit der Unterhaltung und dem Fachsimpeln zwischen Läuferkollegen kam dann auch die Vorfreude auf den Aargauer Volkslauf zurück und so meldete ich mich an. Schliesslich waren es nur noch sechzehn Kilometer und die sogar flach. Das musste doch möglich sein.

Die Anfangsphase verlief auch erfreulich. Ich fühlte mich wohler, stabiler und insgesamt besser in Form als gestern. Obwohl ich den Plan mit der neuen PB schon längst aufgegeben hatte, war ich zuversichtlich, den Lauf in einer ordentlichen Zeit ins Ziel zu bringen. Doch auch heute kam ab KM 4 alles anders. Ich verlor Minute um Minute und fühlte mich immer schwächer. Nach rund 6 km war ich annähernd so weit wie gestern kurz vor dem Ziel. Was nun? Mein erstes DNF schien so nahe wie noch nie zuvor und ich ging vom Laufschritt ins Gehen über, um es halbwegs bis zum Wendepunkt bei KM 8 zu schaffen. Dort stand die Sanität, die mich notfalls hätte versorgen können.

Nach kurzer Zeit kam aber mein Kollege angerauscht und zog mich im Laufschritt bis zum Wendepunkt mit. Während er noch frisch und munter war und fest entschlossen den Rückweg nach Aarau antrat, genehmigte ich mir nebst einem Becher Wasser auch eine längere Gehpause. Die zweite Hälfte des Kurses legte ich dann in einer Mischung aus Gehen und langsamen Joggen zurück, wobei ich zeitweise schon den Plan schmiedete, bei der nächsten Bushaltestelle auszusteigen und zum Stadion zurückzufahren. Dann waren es aber auf einmal nur noch 6 km, dann 5, dann 4 und spätestens bei KM 13 war mir klar, dass ich auch heute nicht aufgeben werde. Wenn schon die Zeit im Eimer ist, dann wenigstens das Ding in Würde zu Ende bringen. Einen Kilometer vor dem Ziel (ich war mal wieder in einer „Gehphase“) sah ich vor mir eine Läuferin, die sich mehr torkelnd als gehend auf den Beinen hielt. Kurz darauf stürzte sie. Ich hielt an und half ihr wieder auf die Beine. Dem Kollaps nahe wollte sie zuerst weiterlaufen, liess sich dann aber doch überreden und auf die gegenüberliegende Parkbank begleiten. Eine weitere Läuferin, die zu uns aufgeschlossen hatte, konnte sie dann mit Traubenzucker versorgen, so dass wir sie mit einigermassen gutem Gewissen zurücklassen konnten, obwohl ich mir im Nachhinein nicht sicher bin, ob wir nicht besser angehalten und bei ihr geblieben wären. Sie sagte zwar, sie brauche keine weitere Hilfe. Ob sie aber ihre Situation richtig einschätzen konnte, war alles andere als wahrscheinlich. Da wir sie aber sicher auf der Parkbank platziert hatten und hinter uns noch weitere Läuferinnen und Läufer folgten, die sie im Notfall hätten unterstützen können, entschieden wir uns fürs Weiterlaufen und so brachte ich auch die letzten paar hundert Meter noch hinter mich. Auf flacher Strecke bei angenehm kühlen Temperaturen lief ich eine geschlagene halbe Stunde später ins Ziel als letztes Jahr auf dem hügeligen Kurs in Laufen bei prallem Sonnenschein. Egal, ich war im Ziel und das zählte. Wenn an diesem Wochenende auch vieles anders gekommen ist, als ich mir das vorgestellt hatte, so habe ich es immerhin geschafft, das Doppelpack Lausanne / Aarau fertigzulaufen.

Über den Sinn dieser „Übung“ kann man sicher geteilter Meinung sein und auch mir stellten sich in den letzten 24 Stunden so einige Fragen. Ist es sinnvoll, bei einem Rennen an den Start zu gehen, obwohl man nicht hundertprozentig fit ist? Oder soll man es dann lieber bleiben lassen? Und wenn schon der erste Lauf fast in einem Fiasko geendet hätte, soll man dann auf Teufel komm raus am nächsten Tag gleich noch einmal starten? Wenn man weit hinter seinen Möglichkeiten herhinkt und mehr schlecht als recht ins Ziel kommt, kann man da noch von „Laufen“ sprechen?

Was Lausanne betrifft, so lautete meine persönliche Antwort zu jedem Zeitpunkt JA. Zum einen hatte ich den Startplatz gewonnen. Das heisst, jemand anderes konnte wegen mir nicht gratis starten und musste für die Anmeldung bezahlen. Also ist es doch anständig, an den Start zu gehen, wenn man sich grundsätzlich gut fühlt, was ja gestern vor dem Start noch der Fall war. Dann war es eben Lausanne und nicht irgendein Lauf in irgendeiner Stadt. Wer sich schon bei strahlendem Sonnenschein am Ufer des Genfersees für einen Lauf aufgewärmt hat, weiss, wovon ich spreche. Diese Kulisse gibt es sonst nirgends. Auch das Publikum in Lausanne ist begeisterungsfähig wie kaum ein anderes. Da standen an der ganzen Strecke auf beiden Seiten Läuferinnen und Läufer, die über die 10 km gestartet waren und anschliessend mit den Medaillen um den Hals das Feld der 20 km anfeuerten. Wo gibt es das sonst? Und nicht zuletzt ist Lausanne mit dem Sitz des IOC und weiteren 20 Sportverbänden die Sporthauptstadt der Schweiz, auch wenn mir in diesem Punkt einige Basler und Zürcher heftig widersprechen mögen. Um diese ganzen Sinnfragen in Bezug auf die 20 km de Lausanne abschliessend zu beantworten, bleibt anzumerken, dass ich selbst bei bester Gesundheit und unter idealen Bedingungen kaum an die Zeit von 2013 herangekommen wäre. Sicher wäre unter anderen Umständen wesentlich mehr möglich gewesen, aber der Lauf letztes Jahr war einer dieser Läufe, bei dem einfach alles gepasst hat, vom Aufbautraining mit einigen Bergsprints bis hin zum Kopf-an-Kopfrennen mit Olivier (Details dazu siehe hier). Ich hätte mich also ohnehin mit weniger zufrieden geben müssen und das Erlebnis Lausanne war es alleweil wert, sich für den Start zu entscheiden.

Die Sache mit dem Start in Aarau heute Mittag ist etwas komplizierter und grenzt schon fast ans Philosophische. Wenn einer kurz nach seinem bisher härtesten Rennen schon wieder Lust verspürt, sich am nächsten Tag erneut eine Startnummer am Trikot zu montieren und mit anderen über einen Parcours zu wetzen, soll er dann vernünftig sein und darauf verzichten? Wenn er es sich unterwegs mehrmals überlegt hat und am Start trotzdem überzeugt ist, das Richtige zu tun, soll er dann vernünftig sein und darauf verzichten? Hätte ich es nicht versucht, hätte ich nie herausgefunden, ob ich zwei Langstreckenläufe innert 24 Stunden schaffen kann. Wie bei vielen Laufeinsteigern üblich konnte ich in den ersten Jahren als Läufer meine Leistungen auf allen Distanzen stetig und ohne grosse Mühe verbessern. Am Anfang geht das ziemlich leicht. Doch irgendwann kommt der Punkt, wo es schwierig wird, jeden Folgelauf noch schneller zu laufen. Dazu müsste ich trainings- und ernährungsmässig einiges ändern und viel konsequenter werden. Würde ich nur einer neuen PB wegen starten, stünden mir in Zukunft eine Menge Enttäuschungen bevor. Selbstverständlich habe ich die Ambition, auf jeder Distanz schneller zu werden und bin auch überzeugt, dass ich all meine PBs noch drücken kann. Ich bin aber auch bereit, an Läufen teilzunehmen, bei denen zum Vornherein klar ist, dass es nichts wird mit der Zeitverbesserung. Oft sind es diese Läufe, die einen wirklich zum Nachdenken bringen. Sonst hätte ich diesen Artikel um mindestens die Hälfte kürzen und mich kurz und knapp als unbesiegbaren Laufgott auf allen Distanzen anpreisen können.