<![CDATA[ - Blog]]>Thu, 04 Aug 2022 08:01:46 +0200Weebly<![CDATA[They see me rollin']]>Sun, 05 Jun 2022 10:35:19 GMThttps://lukasreinhard.ch/blog/they-see-me-rollinMitte Mai sah ich mich am Gempenlauf darin bestätigt, dass es definitiv Zeit wird, mit dem Laufsport aufzuhören. Mein Ausflug auf den Gempen war vergleichbar mit einem überfüllten Güterzug, der mit Vorspann die alte Gotthardstrecke hochgeschleppt wird. Oben im Ziel beim Geniessen des Ausblicks auf der Schartenflue war ich zwar zufrieden, am Lauf teilgenommen und doch nicht den direkten Weg auf den Liegestuhl im heimischen Garten angetreten zu haben. Hinsichtlich der sportlichen Zukunft wurden die Fragezeichen aber immer grösser.

Dann kam der Auffahrtsdonnerstag mit dem Flughafenlauf in Kloten. Zum ersten Mal seit langem lagen wieder mehr als 10 km vor mir. Was noch vor zwei Jahren eher als Kurzstrecke galt, war auf einmal wieder eine ziemliche Herausforderung. Doch der Lauf entwickelte sich unerwartet gut und je weiter fortgeschritten die Distanz war, desto besser kam ich in Fahrt. Lange Strecken sind also immer noch möglich und so keimt die Hoffnung auf, dass dereinst auch wieder Distanzen jenseits des Halbmarathons denkbar wären. Aber so weit ist es noch lange nicht. Zuerst einmal nutzte ich die Euphorie des Moments und meldete mich gleich zum nächsten Lauf an, einem eher unbedeutenden Zehner in den Freibergen, der in zwei Wochen stattfinden wird.

Der gelungene Flughafenlauf mit einer Pace knapp unter 5 Minuten über die ganzen 17 km brachte auch die Motivation zurück, sogar das eine oder andere Training ins Auge zu fassen. In den letzten Wochen war das überhaupt kein Thema mehr und ich genoss regelrecht meinen läuferischen Vorruhestand. Kein Packen der Laufsachen am Vorabend, damit man dann fürs mittägliche Training gerüstet ist. Kein drohendes Training mehr nach der Arbeit. Einfach gemütlich nach Hause gehen und Feierabend machen. Letzte Woche dann das Gegenteil: Toll, über Mittag kann ich Laufen gehen bei diesem Prachtswetter. Und das tat ich dann auch und es machte sogar Spass.

Es lag deshalb auf der Hand, über Pfingsten auch wieder irgendwo eine Laufstrecke zu planen. Doch statt einfach alleine loszulaufen, würde sich vielleicht sogar eine Laufteilnahme anbieten. So landete ich schlussendlich spontan auf der Startliste des Baldeggerseelaufs im luzernischen Hitzkirch. Der grosse Bruder des Baldeggersees, der im Aargau gelegene Hallwilersee, ist mir von Kindheit an bestens bekannt und zählt heute noch zu meinen Top 3 der Schweizer Seen (nebst Thuner- und Genfersee). Den Baldeggersee kannte ich aber noch nicht. Die Ausschreibung versprach eine Strecke über 10 Meilen mit gerade mal 30 Höhenmetern. Das Ganze zu 85 % auf Asphalt – genau meine Laufwellenlänge.

So tuckerte ich gestern Nachmittag auf einer gefühlten Weltreise vom Laufental nach Hitzkirch, wo ich heilfroh war, dass neben mir noch weitere, offenbar erfahrene Baldeggerseeläufer ausstiegen. Sonst würde ich wohl heute noch das Startgelände suchen. Wegweiser? Beschilderung? Fehlanzeige. Entweder man kennt sich in der Region aus und sonst muss man halt nach dem Weg fragen. Und dieser Weg zog sich hin, vom Bahnhof hinauf ins Dorf und dann durchs Quartier über eine der grössten Schulanlagen, die ich je gesehen habe (und ich habe doch schon einige gesehen), bis zuhinterst im letzten Gebäude die Startnummernausgabe untergebracht war. Mit der runden Startnummer 500 schickte man mich ins Rennen. Doch zuerst hiess es, sich erneut durchs ganze Schulgelände zur Garderobe durchzuschlängeln, wo ich erst einmal die kühle Temperatur in der Turnhalle geniessen wollte. Draussen war es drückend heiss und es versprach, ein richtiges Hitzerennen zu werden. Da war es angebracht, sich möglichst lange in der kühlen Halle aufzuhalten.

Inzwischen wusste ich, wie man in Hitzkirch zum Thema Beschilderung stand und machte mich wohlweislich frühzeitig auf den Weg zum Startgelände. Auch das wiederum fast ein Kilometer von der Garderobe entfernt. Auf dem Schulgelände suchte ich vergebens nach einem Wegweiser, also bewegte ich mich einfach mal in Richtung Zentrum. Vielleicht würde da ja das eine oder andere Schild auftauchen. War natürlich nicht der Fall, aber immerhin konnte ich einen Streckenposten nach dem Weg fragen. Der wies mich an, einfach ins Zentrum zu gehen. Dort würde ich es dann schon finden. Das klappte und so war ich gerade rechtzeitig da, um auch mal wieder ein ordentliches Warm-up abzuspulen. Das beschränkte ich in den letzten paar Läufen jeweils auf ein Minimum, damit ich nicht schon am Start völlig erschöpft war. Diesmal jedoch hatte ich genug Energie und wollte auch endlich mal wieder anständig vorbereitet in ein Rennen starten und nicht von Anfang an dem DNF entkommen müssen.

Nach dem Start führte die Strecke bald schon leicht bergab, was bei meinem aktuellen Kampfgewicht sehr gelegen kommt. Im Leerlauf rollen geht halt einfacher als vollbeladen hochschleppen. Am Strassenrand hörte ich noch eine Zuschauerin zur anderen sagen, dass wir da zweimal vorbeikommen würden. Da schwante mir Böses. Auf dem Weg vom Bahnhof ins Dorf hinauf wunderte ich mich schon über das Kilometerschild für KM 2 und fragte mich, wo denn die beiden ersten Kilometer auf kleinstem Raum gelaufen werden, bevor man das Dorf in Richtung See verlässt. Nun wusste ich es. Man drehte zuerst eine Quartierrunde von gut einem Kilometer, ehe man eben nochmals an den beiden Zuschauerinnen vorbeilief. Das bedeutete auch, dass ich das eben erst abwärts gefeierte Stück auf der anderen Seite wieder hinauflaufen musste. Nach gut einem Kilometer kam man nochmals beim Start / Ziel vorbei und es fühlte sich an, als hätte ich schon zehn in den Beinen. Eine grossartige Ausgangslage, um noch weitere 15 km abstrampeln zu müssen.

Auf dem darauffolgenden langen Stück abwärts zur Talsohle konnte ich mich vom ersten Startrundenschock zum Glück recht gut erholen und fand auf den folgenden Kilometern schnell einmal ein angenehmes und doch ziemlich flottes Tempo mit Zeiten deutlich unter 5 Minuten. Hinzu kamen die zahlreichen Trinkstellen, die erheblich dazu beigetragen hatten, dass die Seerunde zum Laufvergnügen und weniger zum Laufkrampf wurde. Über die Beschilderung rund um den Lauf lässt sich streiten, nicht aber über die Organisation unterwegs. Auf den 16.1 km gab es mehr als genug Trinkstellen und die meisten davon waren sogar mit einem Rasensprinkler ausgerüstet, der für willkommene Abkühlung sorgte. Diese paar Wasserspritzer waren jeweils mehr Wert als der Wasserbecher, den ich mir meistens sowieso über den Kopf schüttete, nachdem ich ein paar kleine Schlückchen getrunken hatte.

Denn heiss war es, sehr heiss. Aber zum Glück kam zwischendurch auch immer wieder ein kühles Lüftchen auf. Auch das eine oder andere Wolkenband wurde heimlich zum grossen Star an diesem Lauf. Die Strecke selber ist grossartig. Vor allem, wenn man wie ich breite Asphaltstrassen liebt. Mit Ausnahme eines kleinen Abschnittes ungefähr in der Rennhälfte rund um Baldegg verläuft die Strecke praktisch durchgehend auf Haupt- und Nebenstrassen. Einzig die angekündigten 30 Höhenmeter sind nachweislich falsch. Meine Uhr zeigte am Schluss etwas über 100 Höhenmeter an und das kommt ungefähr hin. Diese verteilen sich aber gut, denn die Strecke verläuft oftmals in langgezogenen Wellen. Mal sanft hoch, dann auf der anderen Seite wieder runter. Und genau da hatte ich bekanntlich einen Vorteil. Wie singt doch Chamillionaire in seinem Song Ridin’? They see me rollin’ – yep, das trifft bestens zu 😊

Bis zur Streckenhälfte lagen die Zeiten deutlich unter 5 Minuten. Danach folgte ein kleiner Durchhänger, der mich vor allem bei KM 11 nahezu zum Stillstand brachte. Da musste ich auf einem längeren Aufwärtsstück auch mal einen Kilometer über 6 Minuten in Kauf nehmen. Ab KM 14 konnte ich wieder zum ursprünglichen Tempo zurückkehren und die Zeiten erneut unter die 5:00-Marke drücken. Auf dem letzten Kilometer folgte nach zweihundert Meter eine scharfe Rechtskurve. Der Streckenposten sagte mir noch: «Jetzt siehst du dann weit vorne das Ziel, aber das kommt schon gut!» Und so war es. Eine scheinbar unendlich lange Gerade lag vor mir, die nach ungefähr der Hälfte auch noch bis zum Ziel anstieg. Weit, weit vorne konnte ich den Zielbogen ausmachen und dazwischen zahlreiche sich mühsam abquälende Läufer. Aber was wollte ich machen, umkehren wäre ja auch blöd gewesen. So nahm ich mir halt die Strasse hundertmeterweise unter die Füsse. Immerhin verlief dieser Abschnitt erneut auf einer doppelspurigen Hauptstrasse und somit auf persönlichem Traumterrain. Beim Anstieg, als es richtig mühsam wurde, stand eine gut zehnköpfige Trychlergruppe. Ja, die können mehr als nur demonstrieren – die können im richtigen Moment richtig Stimmung machen. Jedenfalls reichte es aus, um mich hinauf zum Ziel zu bugsieren. Hundert Meter vor der Ziellinie sah ich auf der Uhr die Zeit 1:19:48. Einen kurzen Moment dachte ich noch an einen beherzten Endspurt, um vielleicht noch unter 1:20 h reinzukommen. Doch dann realisierte ich, dass mir 12 Sekunden nicht einmal auf einer flachen Tartanbahn ausreichen würden. So versuchte ich halt, möglichst nahe an die 1:20 h ranzukommen. Mit offiziell gemessenen 1:20.09 ist mir das auch ziemlich gut gelungen. Und der Kilometergesamtschnitt? Genau 5:00. Passt.

An einem solchen Abend rückt der Rücktrittsgedanke in weite Ferne. Aber eben, abgerechnet und über die weitere Zukunft entschieden wird Ende Saison. Vorläufig freue ich mich darüber, dass ich so langsam, aber sicher wieder in den Laufsport zurückfinde. Als nächstes folgt der bereits erwähnte «Courses des Franches» in Le Noirmont. Der wird allerdings ziemlich trailartig sein und somit weniger nach meinem läuferischen Gusto. Dafür entschädigt die einzigartige Landschaft der Freiberge für nahezu alle Strapazen. Let’s roll on 😊

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<![CDATA[Die Overtime läuft (vorläufig) weiter]]>Sun, 27 Feb 2022 14:43:53 GMThttps://lukasreinhard.ch/blog/die-overtime-laeuft-vorlaeufig-weiterSchaut man sich die Resultatübersicht auf meiner Webseite an, sieht eigentlich alles ganz normal aus. Im November 2021 krankheitsbedingt frühzeitig in die Winterpause gegangen und heute nun vergleichsweise etwas spät in die neue Saison gestartet. Aber sonst? Beim genauen Betrachten und vor allem beim Vergleich zwischen meiner Zeit am 10 km de Payerne vor zwei Jahren und der Zeit am selben Lauf heute fällt auf, dass dazwischen einiges passiert sein muss. Schliesslich liegen die beiden Zeiten ziemlich genau 9 Minuten auseinander. Waren vor zwei Jahren 10-km-Zeiten um 40 Minuten normal, so bin ich heute mit meinen 49.15 ebenfalls zufrieden.

Zwischen den beiden Teilnahmen in Payerne liegt bekanntlich die «Corona-Zeit». Damals vor zwei Jahren meldete ich mich kurzfristig eine Woche vorher noch für Payerne an und hatte keine Ahnung, dass es der letzte Lauf vor der Pandemie sein würde. 2020 konnte mir die Pandemie zwar noch nicht viel anhaben und mit der Teilnahme am 1. Rheinquelle Trail in Sedrun fällt sogar ein Meilenstein meiner Laufbahn in diese Zeit. Das zweite Pandemiejahr hatte es dann aber in sich. Zuerst zahlreiche Absagen, danach nur noch Startberechtigung für Zertifizierte. Die Motivation fiel in den Keller und sowohl Qualität als auch Umfang des Trainings liessen immer mehr zu wünschen übrig.

Schaut man sich die Zeiten aus den Läufen im 2021 an, so fällt auf, dass diese allesamt langsamer sind als noch im Vorjahr. Wer nicht viel trainiert und trotzdem gerne und viel isst, bleibt nun mal nicht schnell. Anfang diesen Jahres fasste ich den Entschluss, wieder disziplinierter zu trainieren und auch beim Griff zu den Süssigkeiten Mass zu halten. Beides konnte ich bis heute nicht umsetzen.

Und so stand ich halt heute früh um neun an der Startlinie in Payerne, nachdem ich seit 40 Tagen keinen einzigen Kilometer gelaufen war, geschweige denn überhaupt in irgendeiner Form Sport getrieben hatte. Ob das gut gehen konnte?

Schon beim Warm-up merkte ich, dass ich auch schon besser in Form war. Ganz locker und langsam traben und gleichzeitig mit Mika plaudern war schon zu viel und ich geriet ausser Atem. Nach einigen Bahnrunden und dem üblichen Warm-up-Programm (wohlweisslich ohne die sonst üblichen Steigerungsläufe) fand ich mich kurz darauf an der Startlinie wieder. Wäre es nicht so bitterkalt gewesen, hätte ich mich wohl kaum auf den Startschuss gefreut. So aber war ich froh, mich bewegen zu können – schliesslich wäre der Gang zurück in die warme Festhalle auch doof gewesen.

Der erste Kilometer lief mit 4:31 ganz ordentlich, eigentlich viel zu gut in Anbetracht der sofasportlichen letzten zwei Monate. Doch schon bei KM 2 fühlten sich die Beine schwer an und ich japste schlimmer als ich in elf Marathons jemals japsen musste. Für einen Moment schien mir klar: Das war’s. Beim Vorbeigehen an Start und Ziel nach 5 km würde ich aussteigen und mit meinem ersten DNF überhaupt meine Laufbahn beenden. So hatte das wirklich keinen Sinn mehr.

Da ich aber zwangsläufig bis zurück nach Payerne weiterlaufen musste, konnte sich auf den folgenden Kilometern auch das Laufgefühl etwas verbessern. Bei KM 4 war klar, dass ich nicht aussteigen würde. Vielmehr würde ich meine vielleicht letzten 5 Wettkampfkilometer noch so richtig geniessen, ehe ich am Abend auf meiner Webseite das Ende verkünden müsste. Doch nicht zum ersten Mal lief es auf der zweiten Hälfte besser als auf der ersten. Nun gut, bei Zeiten um die 5 min/km bedeutet eine leichte Tempoverschärfung noch nicht viel. Für mich war aber jeder Kilometer unter 5 Minuten ein Highlight und auf den letzten beiden war klar, dass es ganz knapp für eine Zeit unter 50 Minuten reichen könnte. Noch vor zwei Jahren ein Komplettversagen, wäre das heute ein durchaus versöhnliches Resultat. Und so kam es auch: Mit 49.15 erreichte ich dieses Minimalziel zwar knapp, letztlich aber mit grosser Zufriedenheit.

Und was heisst das nun? Das weiss ich zum jetzigen Zeitpunkt selber noch nicht. Vielleicht gehe ich nächste Woche tatsächlich mal wieder trainieren, wer weiss. Anschliessend folgt eine Ferienwoche mit Skifahren und Langlaufen. Tja, und dann steht bereits der Kick-off zum Genf-Marathon an.

Ob es so weit kommt, weiss ich nicht. Vielleicht habe ich auch vorher genug. Vielleicht beginne ich die Vorbereitung auch und merke nach kurzer Zeit, dass ich eine Marathonvorbereitung nicht mehr schaffe. Das wird sich zeigen. So oder so würde der Genf-Marathon am 15. Mai mein letzter. Danach ist mit diesen langen Distanzen endgültig Schluss. Gleichzeitig wäre es mein zwölfter Marathon und das Dutzend vollzumachen wäre noch ein letztes grosse Ziel. Wie sagte doch Franz Beckenbauer so schön: «Schau mer mal, dann sehn mer scho.»

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<![CDATA[Die volle Packung Herbstlauf in Wila]]>Sat, 30 Oct 2021 18:22:32 GMThttps://lukasreinhard.ch/blog/die-volle-packung-herbstlauf-in-wilaWas passiert, wenn mehr als die Hälfte der Saison ins Wasser fällt, weil die meisten Läufe entweder abgesagt werden müssen oder dann unter höchst fragwürdigen Einschränkungen durchgeführt werden, und dann auf einmal im Herbst alles nicht mehr so schlimm ist und man als Läufer zwischenzeitlich nicht mehr als Super-Spreader geächtet wird? Richtig, man läuft praktisch jedes Wochenende irgendwo über eine Startlinie. So geht es jedenfalls den meisten meiner Laufsportfreunde und das habe ich auch heute beim Smalltalk am Herbstlauf Wila oft gehört.
 
Wila? Bob Wila? Das ist doch der Erzfeind von Tim Taylor und hat im Gegensatz zum vermeintlichen Heimwerkerkönig wirklich was drauf. Aber nein! Erstens schreibt sich besagter Heimwerker mit V - also Bob Vila - und zweitens ist Wila ist ein hübsches, kleines Dorf im Tösstal. Nicht gerade um die Ecke, wenn man im Laufental wohnt, aber definitiv einen Ausflug wert. Denn die haben dort einen richtig schönen Herbstlauf, den man sich aber auch verdienen muss, da reichlich kupiert.
 
Nach gut dreistündiger Bahnfahrt (von Laufen über Biel (!) via Winterthur) sah ich am Bahnhof Wila einen äusserst sportlich aussehenden Läufer vor mir. Gegen den Jungspund würde ich heute schon mal den Kürzeren ziehen, so viel stand fest. Als er sich dann umdrehte, war das doch tatsächlich Geronimo Von Wartburg. Nicht mehr ganz im Juniorenalter, aber eine Rennmaschine par excellence, der mit seiner offenen, fröhlichen Art vor ein paar Jahren am 10 Meilen Laufen die Herzen des OKs im Sturm erobert hatte. Seither freuen wir uns immer, wenn wir wieder irgendwo etwas über ihn lesen oder hören. Somit stand der Tagessieger bereits am Bahnhof fest. Geronimo liess denn auch nichts anbrennen und brachte den Herbstlauf mit einem souveränen Start-Ziel-Sieg ins Trockene.
 
Da auch im Laufsport immer noch das BAG das Sagen hat, wurden auch den Organisatoren in Wila einige haarsträubend sinnlose Bedingungen auferlegt. Garderoben und Duschen darf man derzeit keine anbieten, denn dort tobt offenbar das Virus. So entwickelte sich mit dem Eintreffen der Teilnehmenden halt der Schulhauskorridor zur offenen Gemeinschaftsgarderobe für Männlein und Weiblein. Statt auf zwei Garderoben verteilt, sass man nun dicht gedrängt auf den Bänken vor den Klassenzimmern. Ein weiteres Beispiel dafür, wie hirnrissig diese vermeintlichen "Schutzmassnahmen" sind. Wir müssen darum dieses unsägliche Covid-Gesetz am 28. November endgültig versenken und den ganzen Blödsinn ein für alle Mal beenden!
 
Aber zurück zum Sport. Der Herbstlauf machte seinem Namen alle Ehre, war es doch kühl, neblig, aber immerhin trocken. Gleichzeitig zauberten die verfärbten Bäume eine wunderschöne Kulisse auf die grosse Laufbühne, die ich kurz nach 14 Uhr ebenfalls betreten durfte. Wer immer diese Strecke geplant hat, hat sehr viel Ahnung von attraktiver, technisch anspruchsvoller und abwechslungsreicher Kurssetzung. Chapeau! Auf dem Profil sah das alles gar nicht so spektakulär aus. Eine kleine Runde von 2.2 km in Dorfnähe, gefolgt von einer grossen Runde über 8.9 km in die umliegende Hügellandschaft. Das Profil in der Ausschreibung wirkte im ersten Abschnitt einigermassen flach. Dann folgte ein langgezogener Anstieg und am Schluss ein knackiger Downhill-Teil. In Wirklichkeit war das Ganze jedoch vielfältiger. So bewältigte man bereits auf der kleinen Runde zwei knackige, kurze Steigungen und zwei steile Bergabpassagen. Danach war ich wach und bereit für die grosse Schlaufe.
 
Diese liess uns in mehreren Etappen rund 200 Höhenmeter hochsteigen. Dazwischen lagen immer wieder etwas flachere Passagen, in denen ich den Beinen ein bisschen Erholung und dem Puls zumindest ansatzweise ein wenig Ruhe gönnen konnte. Belohnt wurde man dafür mit einer wunderschönen Herbstlandschaft und einer tollen Aussicht.
 
Gleichzeitig stellte ich einmal mehr fest, dass die Zeit des Lockdown-Bäuchleins jetzt dann endlich vorbei sein sollte und ich unbedingt ein paar Kilos verlieren muss. Die bremsen mich bergauf enorm und kosten viel zu viel Kraft. Erfreulich ist hingegen die Tatsache, dass ich nach einem Anstieg jeweils nicht völlig kaputt bin, sondern flach und bergab wieder beschleunigen und in ein einigermassen gutes Renntempo zurückfinden kann.
 
Im letzten Streckendrittel tauchte dann auf einmal Peter Huber vor mir auf und spätestens dann wusste ich, dass die Saison 2021 gerettet ist. Durfte ich bereits vergangene Woche in Muttenz den Grossteil der bekannten Läufergesichter nach viel zu langer Zeit endlich wieder einmal sehen, so musste ein Laufner doch ins Tösstal reisen, um dort auf einen Seetaler zu treffen. Peter ist eine Legende in der Schweizer Laufszene und mit Sicherheit der fleissigste und unermüdlichste Walker im ganzen Land. Meistens steht er schon voll ausgerüstet im Startgelände, noch bevor die ersten Helfer eintreffen. Der Start-/Zielbereich wird dann dementsprechend um ihn herum aufgebaut.
 
Auch für Unterhaltung war gesorgt. So bekam ich im Vorbeilaufen das Gespräch zweier Walkerinnen mit, bei dem sich die eine lautstark darüber beklagte, dass ihre Katze jeweils halbe Ratten ins Haus schleppt. Während die beiden munter stöckelnd talwärts zogen, musste ich aufpassen, dass ich bei all den vielen Terrainwechseln von Naturweg zu Asphalt zu Wiesenpfad und zurück auf den Asphalt nicht ins Stolpern geriet. Auch waren einige Passagen derart steil, dass man sich dort nur im Wettkampf ungebremst hinunterstürzt, während man im Training am liebsten die Stöcke zu Hilfe nehmen würde.
 
Alles in allem lief es aber bergab ziemlich flott. So konnte ich auf dem letzten Streckenabschnitt nochmals ein paar Plätze in der Gesamtwertung gutmachen und in 54:45 ins Ziel laufen. Die Rangliste sieht allerdings ernüchternd aus: Rang 9 von 10 in der Alterskategorie M40. Entweder fühlte sich das alles viel besser an, als es letztendlich war oder die Ostschweizer sind einfach saugut im Laufen. Am Ende wird wohl beides mitgespielt haben.

Später suchte ich erneut die inoffizielle Gemeinschaftsgarderobe auf, um mich wenigstens warm und trocken anzuziehen, wenn Duschen schon virologisch heikel war. Herzlichen Dank an dieser Stelle an Mathis, Amy und Mael, dass ich euer Garderobenbänkli benutzen durfte. Da alle drei ihre Turnsäckli fein säuberlich aufgehängt und die Finken auf der Ablage unter der Bank verstaut hatten, konnte ich mich mit meinem Kleidersack ungehindert breitmachen. Da brauchte ich doch glatte drei Erstklässler-Garderobenplätze dafür.
 
Bevor ich die erneut über dreistündige Heimreise (und erneut über Biel ...) antrat, gönnte ich mir in der Festwirtschaft eine leckere Kalbsbratwurst. Dass der Senf weit weg vom Grill beim Hot-Dog-Stand lag, liess mich schon vermuten, dass hier wohl der St. Galler Spirit bis ins Tösstal durchdrückt. Dementsprechend wurde ich auch mit verachtenden bis mitunter zornigen Blicken abgestraft, als ich mir mit leuchtenden Augen etwas Senf aufs Brot gab und dann die feine Wurst drin tunkte. Wenn die wüssten, wie viel besser ihre wirklich leckeren Würste schmecken, wenn sie mit etwas Senf veredelt werden. Aber das werden sie wohl leider nie rausfinden. Einen erstklassigen Herbstlauf haben sie jedoch definitiv in Wila, den kann ich wärmstens empfehlen.
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<![CDATA[Wenn ein alter Blogtext in neuem Glanz erstrahlt (oder: Ein weiteres Hoch auf die Bundesbahnen)]]>Sun, 10 Oct 2021 12:11:11 GMThttps://lukasreinhard.ch/blog/wenn-ein-alter-blogtext-in-neuem-glanz-erstrahlt-oder-ein-weiteres-hoch-auf-die-bundesbahnenVor ziemlich genau siebeneinhalb Jahren veröffentlichte ich auf der damals noch etwas anders dargestellten Version meiner Webseite einen Blogtext mit dem Titel Ein Hoch auf die Bundesbahnen. Der Text kann hier nachgelesen werden. Er ist auch in voller Länge im Buch Overtime – Lehr- und Gesellenjahre eines Freizeitläufers enthalten, von dem noch ein paar wenige Exemplare erhältlich sind 😊

Nun denn, manchmal wiederholen sich die Ereignisse und man könnte denselben Text in leicht abgeänderter Form erneut veröffentlichen. So geschehen diese Woche:

Ein weiteres Hoch auf die Bundesbahnen

Konnte ich mir 2014 einen leicht sarkastischen Ton im Zusammenhang mit den doch sehr genauen Prozessabläufen bei den SBB nicht verkneifen, so will ich diesmal eines gleich zu Beginn festhalten: Die SBB machen einen hervorragenden Job, zumindest wenn es darum geht, im Zug liegen gelassene Gegenstände sicherzustellen und dem Eigentümer zurückzugeben. Dafür bin ich ihnen echt dankbar!

Wie ich in diese Situation gekommen bin? Nun, ich war einmal mehr die Schusseligkeit in Person. Voller Vorfreude stieg ich am Montag mit Familie und viel Gepäck in die S3 nach Basel, um die Reise anschliessend in Richtung Unterengadin fortzusetzen. Die Freude wurde noch grösser, als wir beim Einsteigen auf einen lieben Lauffreund trafen, der sich allerdings (noch) nicht auf dem Weg in die Ferien, sondern auf dem Weg zur Arbeit befand. So taten wir, was wir immer tun, wenn wir uns sehen: ausgiebig quatschen. Auf einmal waren wir in Basel und standen im nächsten Moment mit allerlei Gepäck um uns herum auf dem Perron. Während sich unser Freund auf den Weg ins Büro machte, warteten wir ab, bis sich der Grossteil des Pendlerstroms verzogen hatte. Schliesslich hatten wir reichlich Zeit, bis unser Zug nach Landquart fahren würde.

Nach einer Weile entschied ich mich, lieber noch am Bahnhof auf die Toilette zu gehen, statt erst im Zug. Doch als ich das Portemonnaie für den Eintritt in die WC-Anlage aus dem Laufrucksack nehmen wollte, stellte ich fest, dass besagter Rucksack nicht beim anderen Gepäck auf dem Perron stand. Einen Sekundenbruchteil später realisierte ich, dass ich ihn auf der Gepäckablage über meinem Sitzplatz in der S3 hatte liegen lassen. Leider half auch ein beherzter Spurt die Treppe hoch, über die Passerelle und auf der anderen Seite hinunter nichts – der Zug war bereits weitergefahren, und das mit meinem Laufrucksack an Bord.

Während mir Sohnemann mit seinem Handy behilflich war und sofort eine Vermisstmeldung für Fundgegenstände aufgab, überlegte ich, was eigentlich alles in diesem Rucksack war: Mein Laptop, das Paper Tablet mit allen eingetragenen Terminen (zum Glück am Vortag noch online synchronisiert), der E-Book-Reader mit der extra für die Ferien drauf geladenen Lektüre, die Laufschuhe für die geplanten Trainings, die Laufuhr, die Laufsonnenbrille und die normale Sonnenbrille, eine Flasche Wasser und halt eben auch mein Portemonnaie mit Bargeld, Karten, Ausweis, Swiss Pass etc. Na wunderbar! Die Frage, ob ich einen Express-Suchauftrag aufgeben möchte, konnte ich nach den Erfahrungen von 2014 getrost mit Nein beantworten. Zudem hätte das nichts gebracht, da ich selber auch auf Reisen und wenige Stunden später am anderen Ende der Schweiz war. Der normale Suchauftrag musste also reichen.

Was sollte ich machen? Mich ärgern hätte nichts gebracht. Der Rucksack war irgendwo unterwegs und ich konnte nur hoffen, dass ihn das Bahnpersonal rechtzeitig findet und zurückbringt und ihn vorher niemand mitgehen lässt. Vertrauen in das Gute des Menschen war also gefragt. Den Rest musste ich vorzu neu anschauen. So wurde zunächst halt nichts aus der vergnüglichen Lektüre im Zug. Stattdessen betrachtete ich wieder einmal ausgiebig die Landschaft zwischen Basel und Zürich und anschliessend entlang des Zürich- und Walensees über Sargans bis Landquart. Die zweite Hälfte der Reise war dann auch optisch ansprechend, schliesslich befanden wir uns bereits im Bündnerland und bis ins Unterengadin war es nicht mehr allzu weit.

Am nächsten Tag folgte die nächste Herausforderung: Eigentlich hatte ich eine hübsche Trainingsrunde geplant, die ich normalerweise im Winter unter die Füsse nehme und auf die ich mich nun im Herbst und ohne Schnee schon lange gefreut hatte. Leider waren Schuhe, Uhr und Laufbrille irgendwo auf dem Schweizer Schienennetz unterwegs oder hoffentlich eher bereits in irgendeinem Depot zwischengelagert. Um Ersatz für die Brille hatte ich mich gleich nach Ankunft am Vortag gekümmert und mir für 9 Franken eine dieser stylischen Billigsonnenbrillen am Kiosk erworben. Zudem war es draussen bewölkt und teilweise regnerisch, so dass ich sogar ganz auf die Brille verzichten konnte. Was die Laufschuhe betraf, so zahlte sich einmal mehr aus, dass ich auch im Alltag in Laufschuhen unterwegs bin und somit stets das für einen spontanen Lauf passende Schuhwerk an den Füssen trage. Zwar entsprechen meine Alltagsschuhe jetzt nicht gerade einem Modell, das ich normalerweise zum Laufen einsetzen würde, aber es sind nun einmal Laufschuhe und aktuell sogar solche mit ziemlich gutem Profil. Die Voraussetzungen waren also gar nicht so schlecht, dass ich doch noch laufen gehen konnte. Auf eine genaue Aufzeichnung des Training musste ich verzichten, doch das war letztlich das kleinste Problem. Meine analoge Armbanduhr mit Sekundenzeiger war für einmal genau genug. Die zurückgelegte Strecke konnte ich nach den Ferien am heimischen PC und wieder mit dem Internet verbunden immer noch nachkonstruieren. Kleiner Nachtrag: Es waren am Ende ziemlich genau 13 km mit etwas über 400 Höhenmeter.

Die Laufrunde wurde somit zum improvisierten, aber nicht minder erlebnisreichen Highlight des ersten Ferientages. Und weil sich die Alltagsschuhe auch im Training gut bewährt hatten, folgte tags darauf gleich noch eine Runde. Für die restlichen Tage war Wandern im Familienkreis angesagt. Dazu hatte ich zum Glück alles notwendige Material im Koffer dabei.

Bleibt noch der Verzicht auf den Laptop und somit auf die Internetverbindung (mein Handy ist fürs Internet bekanntlich überhaupt nicht geeignet). Klar, ich hätte an den Abenden gerne das eine oder andere am Laptop erledigt und auch die eine oder andere Online-Mitteilung bearbeitet bzw. beantwortet. Andererseits war es auch ganz entspannend, mal einfach nicht online zu sein. Sowas überlebt man also ohne weiteres, da kann ich euch beruhigen. Später zeigte sich zuhause, dass rund 90 % der in einer Woche eingegangenen Mails entweder unwichtig oder nicht dringend waren. Die paar wenigen dringenden Nachrichten konnte ich mit etwas Verspätung auch gestern Abend noch bearbeiten.

Am zweiten Ferientag erhielt Sohnemann die Nachricht, dass man meinen Laufrucksack gefunden habe und er nun nach Basel ins Fundbüro spediert werde. Nochmals einen Tag später dann die erfreuliche Nachricht, dass der Laufrucksack in Basel angekommen sei und ich ihn im Fundbüro abholen könne. Gestern nun konnte ich den Rucksack mit vollständigem und intakten Inhalt wieder in Empfang nehmen. Ein weiteres Hoch auf unsere Bundesbahnen – mögen sie auch ab und zu von Verspätungen und Zugsausfällen heimgesucht werden, im Auffinden von liegen gelassenen Taschen sind und bleiben sie Weltklasse! Ich für meinen Teil werde künftig nie mehr ein Gepäckstück in der Ablage verstauen, sondern es auf meinem Schoss halten – sei es auch noch so gross und sperrig.
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<![CDATA[Die heitere Gelassenheit des Overtime-Läufers]]>Sat, 21 Aug 2021 14:46:51 GMThttps://lukasreinhard.ch/blog/die-heitere-gelassenheit-des-overtime-laeufersSeit Laufsportveranstaltungen vom BAG nicht mehr als lebensgefährdend eingestuft werden und man praktisch jedes Wochenende aus einer Vielzahl an Läufen auswählen kann, habe auch ich mir eine kleine, aber feine Herbstsaison zusammengestellt. Mit der notwendigen Entschlossenheit erstelle ich seither regelmässig am Sonntagabend den Trainingsplan für die kommende Woche. In der Regel steht für Montag ein Tempolauf auf dem Programm, am Mittwoch Intervalle und an wettkampffreien Wochenenden am Samstag ein langer Kanten. Dazwischen noch dienstags und donnerstags Kraft- und Stabiübungen, dann wird das auch was mit den Läufen.

Doch Ende Woche sieht der Blick ins Trainingstagebuch ebenso regelmässig wie folgt aus:

Montag
War ein langer Tag heute und ich musste ja noch mein Velo reparieren für den morgigen Arbeitsweg. Da reichte die Zeit einfach nicht aus, um auch noch laufen zu gehen. Aber einmal kann man das Tempotraining sicher ausfallen lassen, das wird nicht so schlimm sein.

Dienstag
War wieder ein langer Tag. Am Abend waren wir endlich wieder einmal alle zum Nachtessen zu Hause. War gemütlich, mit den Jungs zu quatschen. Danach war es schon spät und die Energie für Kraft- und Stabiübungen fehlte einfach. Aber am Donnerstag dann ganz sicher!

Mittwoch
Bin am Morgen aufgewacht und merkte gleich, dass heute kein guter Tag ist für Intervalle. So was merkt man nun mal nach über elf Jahren im  Laufsport. Lieber nichts riskieren und es halt für einmal bleiben lassen.

Die zweite Wochenhälfte muss ich hier nicht wörtlich wiedergeben. Sie ist im Grunde genommen eine Wiederholung der ersten. Kurz und gut: Manchmal kommt es vor, dass ich innert 14 Tagen gerade mal 1 - 2 Trainings im Kasten habe. Nicht gerade die optimale Vorbereitung auf deinen Lauf, aber was will man machen. Auch in Sachen Ernährung sieht es nicht viel besser aus. Vorsätze, wie eine Woche ohne Süsses, sind meistens schon am Dienstagabend passé. Aber immerhin schaffe ich den einen zuckerfreien Montag immer mal wieder. Ist doch ein Anfang.

Gestern Abend musste ich nicht trainineren, denn heute war Lauftag am 1. Zeininger Halbmarathon, der sich zusätzlich zu den 21.1 km mit gut 500 Höhenmetern schmückt. Also nix mit Training, dafür lecker Spaghetti zum Abendessen. Später fand noch die Generalversammlung des EHC Laufen statt, in deren Anschluss - tadaaa - allen Anwesenden ein Teller Spaghetti offeriert wurde. Nach anfänglichem Zögern gönnte ich mir dann ebenfalls ein zweites Znacht (so gegen halb zehn abends wohlgemerkt ...) und machte mich dann zufrieden auf den Heimweg. Die Vorbereitung für Zeiningen war eh komplett missraten, da kann man ruhig auch mal vollgefressen an den Start gehen.

Heute Morgen merkte ich, dass es mit 42 nicht mehr ganz so selbstverständlich ist, an einem Samstag zur selben Zeit aufzustehen wie an Werktagen. Schliesslich musste ich aber mit dem ÖV zuerst quer durchs Baselbiet nach Zeiningen fahren. Dass die Organisatoren den Start bereits auf 9:30 Uhr angesetzt hatten, erwies sich später angesichts der warmen Temperaturen als goldrichtig. Also raus aus den Federn und unterwegs noch kurz frühstücken.

Doch spätestens im dem Moment, in dem das Warm-up für den Kids Run über die Bühne ging und mit wummernden Bässen und dem guten, alten Scatman John musikalisch untermalt wurde, war ich wieder im Wettkampfmodus angekommen. Einfach viel entspannter als früher. Mein eigenes Warm-up fiel kurz und knapp aus. Alles ein wenig mobilisieren, ein bisschen locker traben für das Gefühl und gut war's. Auf Steigerungsläufe konnte ich getrost verzichten, denn das Traben entsprach schon annähernd dem Renntempo und ich wollte ja nicht gleich auf den ersten Kilometern läuferischen Selbstmord begehen.

Entsprechend reihte ich mich ziemlich weit hinten im Starterfeld ein. Statt beim Knall loszuballern, als gäb's kein Morgen, liess ich es ruhig angehen. Etwas, das bis vor einem Jahr undenkbar gewesen wäre. So aber war das ganz angenehm und es kam schnell einmal Lauffreude auf. Dazu beigetragen haben sicher auch die zahlreichen Leute am Strassenrand. Zeiningen hat sich heute als regelrechtes Läuferdorf gezeigt. Die erste von insgesamt drei Steigungen erwies sich als harmloser als erwartet und auch das zweite, etwas längere kupierte Stück war kein Problem. So konnte ich auf den ersten sieben Kilometern einen angenehmen Rhythmus finden. Längst nicht so schnell, wie auch schon, aber vom Gefühl her nicht weniger gut. Die mittleren sieben Kilometer liefen dann ziemlich flowig und auch der erste Teil der letzten "Bergschleife" auf den Sonnenberg liess sich ohne weiteres bewerkstelligen. Zwischendurch konnte ich bergab wieder etwas Gas geben und ab und zu auch überholen, während ich bergauf immer wieder eingeholt wurde. Als es längere Zeit eher abwärts ging, nahm ich an, dass der höchste Punkt erreicht sei. Zwar hiess es, der Sonnenberg sei ein schöner Aussichtspunkt. Doch wir waren mitten im Wald. Aber vielleicht würden wir ja nicht bis ganz oben laufen, sondern vorher in Richtung Zeiningen abbiegen und zurückkehren.

Das war ein Irrtum, wie sich kurz darauf herausstellte. Der Gipfelsturm stand tatsächlich noch bevor und zog sich über eine nicht enden wollende Rampe zäh und hartnäckig nach oben. Am Ende musste ich sogar für ein längeres Stück zum Gehen wechseln. Oben wurde einem dafür Gipfelfeeling pur geboten mit einem Alphorn-Quartett in feierlicher Tracht. Auch der erste Abschnitt zurück ins Tal lud noch nicht zum Ballern ein, da er über einen ruppigen, schmalen Waldweg steil abwärtsführte. Danach folgten aber wieder breite Forststrassen. Nun konnte ich die bis dahin gesparten Reserven endlich einsetzen und noch den einen oder die andere vor mir überholen. Im Ziel stoppte die Uhr bei 1:56.35. Nicht gerade berauschend, aber wenigstens hatte ich mein Minimalziel von unter zwei Stunden erreicht. Später stellte sich heraus, dass ich mit dieser Zeit sogar im Mittelfeld der Kategorie M40 auf Rang 11 platziert bin. Nur gerade zwei Sekunden trennen mich von einem Top-Ten-Platz.

Dass ich dabei die ganzen 21.1 km locker blieb und entspannt laufen konnte, ist wohl ein erstes Anzeichen von Altersmilde, obwohl auch heute wieder teils wesentlich ältere Kollegen viel schneller unterwegs waren als ich. Mich als Veteranenläufer zu bezeichnen, wäre dann aber doch zu viel des Guten. Dann sehe ich mich doch lieber als Overtime-Läufer, der - frei nach einem Stück von Christy Doran - mit "heiterer Gelassenheit" unterwegs ist. Das nächste Mal übrigens bereits in einer Woche am Birsegglauf in Aesch.
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<![CDATA[Wie ging das nochmal? Lang ist's her!]]>Sun, 18 Jul 2021 16:57:46 GMThttps://lukasreinhard.ch/blog/wie-ging-das-nochmal-lang-ists-herLaufsport? Was war das nochmal? Wie so oft hilft Wikipedia auch in dieser Frage weiter und liefert folgende Definition: Der Begriff Laufsport fasst sämtliche Sportarten zusammen, bei denen die natürliche menschliche Laufbewegung, zumeist auf eine bestimmte Distanz technisch optimiert, im Vordergrund steht.

Nun gut, die natürliche menschliche Fortbewegung kenne ich noch. Die ist mir als Automobilloser durchaus vertraut. Die bestimmte Distanz liess sich heute Mittag auf 10.1 km eingrenzen. Bliebe noch das mit dem technisch optimiert. Da bin ich wohl noch kilometer-, wenn nicht meilenweit davon entfernt. Nichtsdestotrotz traute ich mir heute eine derart definierte sportliche Aktivität zu und fand mich nach genau 340 Tagen ohne Wettkampf erneut im Aarauer Schachen wieder, wo ich im letzten August meine bislang letzte Ziellinie überquert hatte.

Bevor ich mich jedoch meinem technischen Optimierungsgrad stellen musste, durfte ich gross Sohnemann beim Start zu seinem Rennen über 5.7 km anfeuern und traute rund 23 Minuten später meinen Augen nicht, als eben dieser Sohnemann ins Leichtathletikstadion einlief und seinen Lauf unter den Top-10 der Herrengesamtwertung beendete. Durchschnittspace 4:12, schnellster Kilometer 3:45. Damit ist die Wachablösung endgültig erfolgt und Mika ist ab sofort die klare läuferische Nummer 1 im Hause Reinhard.

Kurz darauf war auch ich an der Reihe, die Laufschuhe zu schnüren und mich ans Warm-up zu machen. Wie bin ich da jeweils vorgegangen? Zuerst diese Übung oder doch jene? Egal, einfach mal anfangen, dann wird es schon weitergehen. Das hat dann auch ganz gut geklappt. Zwar waren die Steigerungsläufe am Ende nicht mehr ganz so knackig wie auch schon, aber das Renntempo würde ja entsprechend ebenfalls langsamer ausfallen als noch vor einem Jahr. Passte also nicht schlecht.

Um Punkt 12 Uhr folgte, was ich lange nicht mehr für möglich gehalten hatte: Ein Startschuss fiel und der galt tatsächlich mir. Nicht irgendwelchen in der Bubble wohnhaften, fünfmal am Tag getesteten und zehnfach geimpften Spitzenathleten, sondern mir einfachem Hobbyläufer. Das alleine war schon Grund zum Feiern. Doch ich musste bei aller Freude immer noch über die von Wikipedia erwähnte bestimmte Distanz kommen.

Vor einer Woche noch hatte ich im Training die ersten drei Kilometer grosse Mühe gehabt, überhaupt vom Fleck zu kommen, ehe sich dann doch so etwas wie ein Rhythmus einstellen sollte. Heute klappte das wesentlich besser und der erste Kilometer fiel mit 4:10 widererwarten schnell aus. Danach musste ich aber kontinuierlich zurückschalten und pendelte mich bei Zeiten zwischen 4:30 und 4:40 ein. Entlang der Aare galt es, zweimal eine Schleife von rund 4 km zu laufen. Aare aufwärts überwiegend an der Sonne, die es offenbar trotz Hochwasser und Flutkatastrophen in den letzten Tagen immer noch gibt. Aare abwärts dann abschnittweise im angenehm kühlen Schatten. So erwiesen sich also in erster Linie die beiden Sonnenabschnitte als Pièce de résistance, während ich mich Aare abwärts jeweils etwas erholen und wieder Tempo gutmachen konnte.

Die erste Runde konnte ich das Tempo noch konstant halten, in der zweiten musste ich erwartungsgemäss mehr kämpfen. Doch am Ende führte auch diese Distanz ins Ziel, in meinem Fall in der Zeit von 45.32 und dem 15. Rang in der Alterskategorie. Damit kann ich mich als neue Nr. 2 im Haushalt glücklich schätzen und habe nun (hoffentlich) auch die nötige Motivation, das Training wieder etwas ernsthafter anzugehen. Immerhin wartet in gut einem Monat mit dem 1. Zeininger Halbmarathon die nächste bestimmte Distanz, die im Gegensatz zu heute reichlich kupiert ausfallen wird.

​Fortsetzung der Overtime folgt …
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<![CDATA[10 Jahre LukasReinhard.ch - nun folgt die Overtime!]]>Wed, 30 Dec 2020 20:47:49 GMThttps://lukasreinhard.ch/blog/10-jahre-lukasreinhardch-nun-folgt-die-overtimeLässt man meine Laufpremiere am WestFest in Zürich im April 2009 aussen vor, so gilt das Jahr 2010 als Anfangspunkt meiner Begeisterung für den Laufsport. Damals frisch in Laufen wohnhaft, lockte mich der 10 MEILEN LAUFEN an den Start über 6.4 km. Die grosse Runde war mir damals noch zu heftig. Die Teilnahme über 4 Meilen zündete jedoch den Funken, der sich in den folgenden Jahren zur Leidenschaft (teilweise wortwörtlich …) entwickeln sollte. Es folgten nach und nach längere Distanzen bis hin zum ersten Marathon in Paris 2014. Gleichzeitig konnte ich meine persönlichen Bestzeiten immer wieder verbessern, bis ich 2017 mit 38.15 über 10 km (SM Oensingen), 2:58.39 im Marathon (Hamburg) und 1:24.21 im Halbmarathon (Lugano) meinen sportlichen Höhepunkt erreichte. Mit 1:04.35 folgte 2019 eine weitere PB über 10 Meilen. Das war’s dann aber.

Ich könnte mich nun elegant rausreden und behaupten, das Corona-Jahr 2020 hätte mich ausgebremst und mich weiterer PBs beraubt. Das wäre aber zu einfach und wohl auch gelogen. Kurz vor Ausbruch der Pandemie startete ich voll motiviert in die Vorbereitung für den HAJ Hannover Marathon, der später aus bekannten Gründen abgesagt wurde. Der Kick-off verlief äusserst erfolgreich, doch schon die folgenden Trainings der ersten Woche harzten und vereinzelt habe ich diese gleich ganz abgebrochen. Die anschliessende Zwangspause im Lockdown kam also gar nicht so ungelegen.

Im Frühlings-Lockdown und bis Mitte Sommer entdeckte ich eine gewisse Faszination fürs Trail-Running, was bekanntlich zur auch ein halbes Jahr später noch unglaublichen Geschichte rund um den Rheinquelle Trail geführt hat.

Seither war aber nicht mehr viel los und die Motivation liess immer stärker nach. Die erhofften Teilnahmen an den Herbstläufen blieben aufgrund der zweiten Welle und damit verbundener Veranstaltungsabsagen aus und so bin ich Ende Jahr schon zufrieden mit mir selbst, wenn ich ein-, zweimal pro Woche zum Laufen rausgehe. Es gab in der Vergangenheit aber auch immer wieder Wochen, in denen ich gar nicht erst die Laufschuhe schnürte.

Bleibt also die Frage, wie weiter? War’s das nun? So nach dem Motto «10 Jahre sind genug – zurück aufs Sofa»? Oder doch nochmals voll angreifen nach dem Motto «Corona zum Trotz – jetzt erst recht»?

Ich entschied mich für den Mittelweg. Ganz auf den Laufsport verzichten, will ich nicht. Dazu ist er mir in den vergangenen zehn Jahren viel zu sehr ans Herz gewachsen. Zudem brauche ich ein Mindestmass an Bewegung, um mich körperlich und geistig wohlzufühlen. Gleichzeitig bin ich mir aber auch bewusst, dass meine schnellsten Tage wohl endgültig vorbei sind. Auch zeitlich kann ich in Zukunft nicht mehr so viel in den Sport investieren wie bis anhin, da die Musik seit einigen Monaten wieder einen grösseren Stellenwert in meinem Leben hat und entsprechende Ressourcen erfordert.

Das neue Motto lautet deshalb: «10 Jahre LukasReinhard.ch – nun folgt die Overtime»!

Konkret heisst das, dass ich versuchen werde, wieder regelmässig mindestens zwei- bis dreimal pro Woche zu trainieren. Sollten dereinst wieder Laufveranstaltungen stattfinden, so würde ich für die Vorbereitung zusätzlich Zeit und Energie einsetzen und versuchen, mein Bestmögliches zu geben. Auch weitere Marathonprojekte wünsche ich mir sehnlichst herbei. Diese intensiven achtwöchigen Phasen fehlen mir am allermeisten. Es kommt also zur Verlängerung, deren Dauer im Gegensatz zum Eishockey in meinem Fall nicht klar definiert, sondern nach hinten offen ist.

Die letzten 10 Jahre werden demnächst in einem kleinen Buchprojekt aufgearbeitet. Mehr dazu, sobald das Ganze spruchreif wird. Vorerst ist es nur so eine Idee … Schon etwas konkreter ist die Idee eines neuen Rennoutfits in Zusammenarbeit mit meinem Ausrüstungspartner owayo. Auch dazu mehr, sobald vorhanden.

Für den Moment bleibt mir nur, euch allen ein frohes neues Jahr und weiterhin gute Gesundheit zu wünschen. Macht’s gut, passt auf euch auf – ich auf mich auch. Dann sehen wir uns hoffentlich schon bald wieder an den Startlinien der Nordwestschweiz oder auch anderswo. Bis dann!

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<![CDATA[Corona-Chroniken #2: AKB Run Aarau]]>Fri, 14 Aug 2020 16:42:53 GMThttps://lukasreinhard.ch/blog/corona-chroniken-2-akb-run-aarauNachdem mit dem Rheinquelle Trail vor einem Monat zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ein Laufsportanlass durchgeführt werden konnte, häuften sich die Meldungen, wonach verschiedene Veranstalter mit entsprechendem Konzept planten, ihre Läufe ebenfalls durchzuführen. Inzwischen sieht es schon wieder anders aus und die Absagen purzeln nur so über die Infokanäle. Umso schöner, dass am vergangenen Mittwoch im Leichtathletikstadion Schachen in Aarau der Auftakt zum AKB Run 2020 erfolgen konnte. Die Serie umfasst insgesamt 7 Läufe an sieben aufeinander folgenden Mittwochabenden. Mit Ausnahme des Gastspiels in Olten finden alle Läufe im Kanton Aargau statt.

Grund genug für mich, trotz fehlendem Training, spür- und sichtbarem Sommerferien-Grillparty-Bauch und drückender Hitze in Aarau an den Start zu gehen. Als ich das letzte Mal in diesem Stadion die Ziellinie überschritt, schaute eine neue PB über 10 Meilen dabei raus. Das würde diesmal anders aussehen, das war mir von Anfang an klar. Einschätzen konnte ich meine mögliche Zielzeit im Vorfeld aber nicht, da ich das Training in der letzten Woche sträflich vernachlässigt hatte und mit Ausnahme einiger weniger Intervall-Läufe seit Monaten eher gemütlich unterwegs war.

Das alles war aber völlig egal. Hauptsache, endlich mal wieder Rennluft schnuppern. Vor einem Monat in Sedrun kam es mir bereits am Start gar nicht erst in den Sinn, auf die Tube zu drücken. Schliesslich wollte ich den Lauf heil ins Ziel bringen. Wie knapp das am Ende geworden ist, ist hinlänglich bekannt … Vor zwei Tagen in Aarau aber, da wollte ich mal wieder «richtig» laufen. Schon die ganze Stimmung rund um das Stadion war ein Genuss für sich. Endlich hatte man das Gefühl, sich in einer Laufsaison zu befinden und es war motivierend, rund herum auch andere Gleichgesinnte zu sehen.

Das Warm-up verlief dann auch erfreulich gut, wobei es bei rund 30 Grad nicht viel aufzuwärmen, sondern eher zu mobilisieren gab. Parallel dazu fand vor der Tribüne die Siegerehrung der Kinderläufe statt.  während aus den Lautsprecherboxen Rage against the Machine dröhnte: «Fuck you, I won’t do what you tell me!» Nach einer Weile kündigte der Speaker dann «noch etwas kindgerechte Musik» an. Tja, auch die Veranstalter müssen dieses Jahr die nötige Routine erst finden 😊

Währenddessen machte ich mich für den Start parat. Die paar Steigerungsläufe über knapp 200 m am Rand der Anlage stimmten mich zuversichtlich und ich nahm mir als Minimalziel vor, die bevorstehenden 10 km wenigstens ein bisschen schneller zu laufen als den bisher einzigen Zehner der Saison. Diesen lief ich für mich alleine in der Langen Erlen in Basel als Teil der virtuellen Serie «Aargau läuft». Die 44.19, welche dabei rausschauten, empfand ich damals als eher enttäuschend. Immerhin steht inzwischen aber fest, dass ich damit die Serie bei den Männern über 10 km für mich entscheiden und gewinnen konnte. Zwar nur virtuell, aber immerhin. So wirklich viel mehr als eine Zeit um 45 min. lag in Aarau auch nicht drin. Oder doch? Mal schauen.

Der Start war nicht schlecht. Es herrschte zwar auf den ersten paar hundert Metern ein stadtlaufähnliches Gedränge, aber alles in allem kam ich gut weg. Den ersten Kilometer lief ich in 4:01, den zweiten in 4:05, den dritten in 4:06. Erfreulich zügig und gefühlt noch ziemlich locker. Es war einfach der Hammer, wieder gemeinsam mit anderen über breite, flache Asphaltstrassen zu laufen. Kurz nach KM 4 musste ich aber dem im Nachhinein zu schnellen Start Tribut zollen. Auf der zweiten Hälfte kam es dann abschnittweise zum Kampf gegen den inneren Schweinehund, der sich aus dem Geröll am Piz Cavradi aufgerappelt und zurück ins Tal begeben hatte. «Schau, wie sie fröhlich die kühle Aare runtertreiben! Das wäre doch viel angenehmer, als dich bei dieser Gluthitze über aufgeheizte Teerstrassen zu quälen. Komm, steig aus und spring rein!» Wer aber den Cavradi überlebt hat, lässt sich von einer flachen Strasse nicht so leicht unterkriegen. Da mag die Form noch so im Rückstand sein, die Hitze noch so drückend und das ersehnte Ziel noch so weit entfernt – an ein Aufgeben ist gar nicht erst zu denken.

So fügte ich mich meinem Schicksal und hängte brav die zweite Runde an, während die 5-km-Läufer/innen schnaufend dem Ziel entgegenflogen. Zumindest musste ich nicht endlos nachlassen und konnte mich auf den letzten zwei Kilometern nochmals etwas auffangen. Die letzten 300 m im Stadion, die sonst zum Endspurt einladen, zockelte ich ohne Tempoverschärfung ab und freute mich, endlich im Ziel und kurz dahinter im Schatten anzukommen.

Ein paar Trinkbecherfüllungen und eine ausgedehnte Sitzpause später schaute ich auf die Uhr: 44.00,0. Minimalziel erfüllt, mehr noch: Saisonbestleistung! Die Zeiten sind nicht mehr im Bereich von früher, aber zumindest diesen Sommer braucht es nicht viel, um dennoch irgendwelche Superlative bedienen zu können – mögen sie auch noch so bescheiden sein 😊

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<![CDATA[Und wenn du denkst, es geht nicht mehr]]>Sun, 12 Jul 2020 13:52:39 GMThttps://lukasreinhard.ch/blog/und-wenn-du-denkst-es-geht-nicht-mehrHinweis: Um die nachfolgenden Erläuterungen zur Strecke nachvollziehen zu können, empfiehlt sich nebst dem entsprechenden Kartenausschnitt auch das offizielle Streckenprofil.

38.1 km mit etwas über 2'900 Höhenmetern, dazu eine einmalige Landschaft im Raum Surselva / Oberalp. Das war der Stand im Januar, als ich mich mit dem Gedanken zu befassen begonnen hatte, am 1. Rheinquelle Trail in Sedrun teilzunehmen. Lange zögerte ich mit der Anmeldung, denn das Vorhaben war gelinde gesagt grenzwertig. Als Trailanfänger gleich einen solchen Lauf auswählen? Ob ich das schaffen kann? Um das herauszufinden, würde ich schon teilnehmen müssen. Als dann kurz nach den ersten Corona-Lockerungen der Lauf definitiv bestätigt, jedoch vorerst auf 300 Teilnehmende beschränkt wurde, meldete ich mich mutig an. Noch waren es ja mehr als zwei Monate bis zum Tag X. Einige Wochen nach der Anmeldung kam dann die Nachricht seitens des Veranstalters, man habe die Strecke nun geringfügig optimiert, um uns ein noch grösseres Trailvergnügen zu ermöglichen. Neu betrug die angekündigte Distanz 41.1 km mit rund 3'200 Höhenmetern. Worauf hatte ich mich da bloss eingelassen ...

Es folgten praktisch wochenendweise kleinere Trailtrainings mit zwar moderaten, aber immerhin wichtigen Höhenmetern. Neues Material wurde getestet und sogar bis wenige Tage vor Abreise noch ersetzt. Gleichzeitig versuchte ich abzuschätzen, ob die geltenden Cut-Zeiten realistisch waren. 4:00 h bei KM 15.8; 6:00 h bei KM 21.7 und 8:00 h bei KM 30. Für die gesamte Strecke hatte man 10 Stunden Zeit. Das würde locker reichen, dachte ich und stellte sogar erste Zeithochrechnungen an, bei denen ich bergauf jeweils 16 Minuten pro Kilometer und bergab 10 Minuten pro Kilometer veranschlagte. Trailneuling eben – das würde mir später noch eins zu eins bewusst werden ...

Jedenfalls sass ich am Freitag auf einmal im Zug Richtung Arth-Goldau und realisierte, dass der Tag X nicht mehr bequem weit weg war, sondern neu als „Morgen“ bezeichnet werden musste. Für die Hinfahrt wählte ich bewusst den beschwerlicheren Weg über die Zentralschweiz mit fünfmal Umsteigen. Dafür konnte ich über den Oberalp-Pass nach Sedrun gelangen und so vor Ort einen ersten Blick auf einen Teil der Strecke ergattern. Die Dimensionen, die sich mir vor dem Zugfenster auftaten, waren beeindruckend, um nicht zu sagen Respekt einflössend. Das stellte alle Erwartungen in den Schatten und erwies sich als steiler und weitläufiger als angenommen.

Aber was will man machen? Entschlossen ging ich zuerst im Hotel einchecken, wo ich ein erstes Mal auf Dominique (60) traf, mit dem ich mich fortan noch eingehender unterhalten würde. Das Hotel lag perfekt, direkt gegenüber der Sportanlage, wo die Startnummernausgabe und der Start- und Zielbereich eingerichtet waren. Streng nach COVID-Massnahmen wurde die Ausgabe mit einem Einbahnsystem geregelt und kurz darauf stand ich wieder draussen vor der Sporthalle und wartete auf das offizielle Briefing, welches auf LED-Wand übertragen wurde, damit auch hier alle genügend Abstand halten konnten. Wirklich viel Neues kam dabei nicht heraus, aber es war gut zu wissen, dass man auf dem aktuellen Stand der Dinge war.

Zurück im Hotel ging es direkt zum Abendessen ins hauseigene Restaurant. Da traf ich erneut auf Dominique und erfuhr, dass er ein alter Trailhase war, der schon so manchen Berg hoch- und wieder hinuntergekraxelt ist und mitunter auch schon einige mehrtägige Trailtouren erlebt hat. „Weisst du“, sagte er, „Traillaufen ist ganz anders als flache Marathons. Da läufst du gemeinsam, unterstützt dich gegenseitig und erlebst den Lauf ganz anders“. Ok, dachte ich, bei Stadtmarathons liegt ein wesentlicher Teil der Faszination aber auch darin, gemeinsam mit anderen zu laufen, sich mit den nächsten paar Teilnehmenden um einen herum zu freuen und anschliessend bei der Zielverpflegung zu plaudern. Gerne hätte ich mich mit Dominique weiter darüber unterhalten. Da wir nicht zusammengehörten, wurden wir aber auch im Restaurant getrennt platziert – die nehmen das mit den Corona-Massnahmen eben richtig ernst im Bündnerland.

Immerhin, gestern Morgen erlaubte man uns, gemeinsam an einem grossen Tisch zu frühstücken. Schnell kamen wir auch mit einem Paar vom Nebentisch ins Gespräch und schon waren wir mitten im Läuferfachsimpeln. Dass ich von uns allen der Rookie war, wurde schnell klar, denn auch die anderen hatten schon so manchen Traillauf erfolgreich ins Ziel gebracht und schauten dem Ganzen ziemlich gelassen entgegen. Was mich angeht, so hatte ich mir vorgenommen, einfach mal zu starten und fortlaufend abzuschätzen, ob und wie weit ich noch kommen würde. Den ersten Teil mit 1'200 HM Auf- und 1'000 HM Abstieg sollte quasi ein Einlaufen und sicherlich ohne grössere Probleme hinzukriegen sein. Trailneuling – ihr wisst schon.

Im Startbereich traf ich auf meinen guten Laufkollegen Elio, der sich „nur“ für die Kurzstrecke über 16 km angemeldet hatte – den Abschnitt, den ich als Einlaufen bezeichnete. Allerdings sehe ich Elio an vielen Läufen am Start und danach nicht mehr, weil er immer derart schnell davonballert, dass er innert Minuten über alle Berge ist. Wenn sich einer von seinem Kaliber für die Kurzstrecke anmeldet, weil er vor der langen nach eigener Aussage zu viel Respekt hat, wie sollten dann erst meine Chancen stehen, da halbwegs heil durchzukommen? Egal, für eine Ummeldung war es jetzt eh zu spät und schliesslich wollte ich endlich einmal zum Tomasee gelangen, der als Quelle des Rheins bekannt ist.

Aufgrund einer angekündigten Schlechtwetterfront erfolgte der Start eine halbe Stunde verspätet um 8:30 Uhr und die ersten Kilometer waren sehr gemütlich und friedlich. Langsam zog sich die Strecke auf einer breiten Forststrasse im Zickzack durch den Wald hoch. Es wurde rege geplaudert, wobei wir wohl alle versuchten, die Nervosität vor dem in den Griff zu kriegen, was noch vor uns liegen würde. Nach dem kurzen Waldstück und einem ersten Verpflegungsposten führte der Weg direkt den Bergrücken hinauf auf den Garvers dil Tgom, wobei sich dieser an sich sanfte Berg als durchaus heimtückisch erweisen sollte. Immer wieder sah man direkt zu einer Kuppe hoch, die den vermeintlichen Gipfel markierte. Doch immer wieder kam dahinter eine weitere Kuppe zum Vorschein. Dazwischen wurden sogar abschnittweise einige der zuvor mühsam gesammelten Höhenmeter wieder abwärts vernichtet, bevor es gegenüber erneut steil den Berg hinaufging. Mit viel mehr Anstrengung als erhofft kam ich oben auf dem Gipfel auf 2'489 m an, konnte aber wenigstens ohne Rast sogleich den Abstieg in Angriff nehmen.

Dieser war viel kräftezehrender als gedacht und abschnittweise so steil, dass ich auch mit Hilfe der Stöcke noch Mühe hatte, sicher runterzukommen. Hinzu kamen die zahlreichen Teilnehmenden der Kurzstrecke, die zwar eine halbe Stunde nach uns gestartet waren, die tausend Höhenmeter aber in Nu wettgemacht und uns eingeholt hatten. Auf einmal kam Elio von hinten angebraust, rief mir locker zu und donnerte weiter Richtung Tal. Am Ende schaffte er es in der Gesamtwertung der Männer unter die ersten 15. Respekt!

Etwas oberhalb der Talsohle kam die Verzweigung in Sicht, an der die Kurzstreckler rechts und die Langstreckler links abbiegen würden. Theoretisch hätte man hier auch als Langstreckenteilnehmer noch rechts abbiegen und direkt ins Ziel zurückkehren können. Man hätte dann eine offizielle Zeit gehabt, wäre aber ausser Konkurrenz gelistet worden. Da schon aufzugeben, kam gar nicht in Frage. Ich würde noch die rund drei Kilometer bis zur Verpflegungsstelle Tschamut anhängen und dort entscheiden. Der Aufstieg auf den Tgom und der technisch anspruchsvolle Abstieg waren alles andere als ein Einlaufen und meine Beine fühlten sich unten im Tal schon so schwer an, wie nach keinem der Trainingsläufe im Vorfeld. Unter diesen Umständen nochmals über tausend Höhenmeter am Stück aufzusteigen und dann erst in der Rennhälfte zu sein? Das schien in dem Moment unmöglich.

In Tschamut legte ich eine ausgiebige Verpflegungspause ein und spielte ein erstes Mal ernsthaft mit dem Gedanken, auszusteigen. So würde ich nie und nimmer über die restlichen zwei Gipfel kommen. So wirklich durchziehen wollte ich das aber auch nicht und so beschloss ich, die ersten Höhenmeter im Aufstieg auf den Piz Cavradi zu versuchen. Ein Läufer, der mir entgegenkam und wirklich aufgeben musste, sagte mir noch, dass auf halbem Weg zum Gipfel eine Zufahrtsstrasse zum Stausee gequert werde. Da könnte ich notfalls aussteigen und zurück zur Oberalpstrasse gelangen. Also trottete ich weiter im Zickzack Richtung Strasse hoch. Dort oben hatte ich bereits wieder so viele Höhenmeter intus, dass der Gedanke daran, das alles wieder abzusteigen, nur um dann das Rennen aufzugeben, auch nicht wirklich gefallen konnte.

Was danach folgte, waren die wohl mühsamsten und anstrengendsten Kilometer, die ich je in irgendeiner Form zurückgelegt habe. Nach der Strasse verlief die Strecke nicht mehr auf offiziellen Wegen, sondern auf einem ins dichte Bodengestrüpp gemähten Pfad weiter, der in der Direttissima den Rücken des Cavradi hochführte. Immer wieder musste ich Verschnaufpausen einlegen, die 16 Minuten pro Kilometer waren in weite Ferne gerückt und näherten sich den 25 Minuten. Immerhin ging es anderen auch so und hie und da sassen Läufer neben dem Pfad, um sich kurz auszuruhen. Einzelne verfluchten dabei die Streckenführung lautstark. Inzwischen hatte sich eine Art Leidensgemeinschaft zwischen mir und Wolfgang ergeben, dem ins Gesicht geschrieben war, dass ihm diese Plackerei noch weniger Spass machte als mir. Wolfgang ist knapp zwanzig Jahre älter als ich und war mit einem Cap mit der Aufschrift „Zermatt Marathon“ unterwegs, welches er wohl kaum übers Internet bestellt hatte. Der Mann hatte also Erfahrung und es war gewissermassen beruhigend zu sehen, dass es auch diesen Läufern teilweise nicht besser ging als mir.

Irgendwann sah ich den Gipfel des Cavradi dann vor mir. Oder etwa doch nicht? Dahinter kam ein noch viel, viel höherer Gipfel zum Vorschein. An sich nichts Ungewöhnliches in den Alpen. Blöd nur, dass dort oben so viele Menschen standen, dass man annehmen musste, sie gehörten zum Lauf ... Es half alles nichts. Weiterkraxeln war angesagt. Von nun an nicht mehr durchs Gestrüpp, sondern hochalpin über Felsen und Steine. Zwar anders mühsam, aber eben immer noch mühsam. Ich kam nur noch schrittweise vorwärts, musste noch öfter Verschnaufpausen einlegen als vorher und konnte mir nicht vorstellen, über diesen Gipfel zu kommen – geschweige denn ins Ziel. Hätte ich in Tschamut schon gewusst, was mich erwartet, ich wäre ausgestiegen und hätte es bleiben lassen. So aber war ich mittendrin in dieser Steinwüste und konnte nur noch aufwärts weiter, da abwärts noch mühsamer gewesen wäre. Gleichzeitig stand fest, dass ich bei der Maighelshütte auf der anderen Seite des Cavradi definitiv aussteigen würde. Dort hätte ich schliesslich erst die Hälfte der Strecke hinter mir. Ein Ding der Unmöglichkeit, die zweite Hälfte ohne völligen Zusammenbruch zu überstehen. Aber darüber konnte ich mir ja dann Gedanken machen, wenn ich bei der Hütte ankommen würde. Erstmal musste ich es überhaupt auf den Gipfel dieses verfluchten Cavradi schaffen.

Nach einer Weile kamen Wolfgang und ich an einem Bergretter vorbei, der dort hoch oben die Stellung hielt und notfalls hätte alarmieren können, wenn einer gar nicht mehr vorwärts gekommen wäre. Im Bewusstsein darum, dass eine solche Evakuierung nur mithilfe der REGA möglich gewesen wäre, gab der junge Bergretter sein Bestes, es gar nicht erst soweit kommen zu lassen, wenn nicht unbedingt nötig. Und so kam er dann auch munter auf mich zu und erkundigte sich nach meinem Wohlbefinden. Wohlbewas? Ich stand auf meine Stöcke gestützt am Wegrand und japste nach Luft. Er bat mich dann ganz lieb, doch bitte etwas vom Abgrund wegzukommen, damit ich nicht runterstürze, wenn mir schwindlig wird. Als nächstes bot er mir eine Reihe köstliche Nussschokolade an und damit hatte er seinen Job grandios erledigt. Schoggi geht immer, selbst irgendwo im felsigen Nirgendwo und ohne Plan, wie es weitergehen soll.

Doch der Plan lag auf der Hand bzw. auf dem Weg. Aufwärts ging’s. Immer weiter, immer steiler, mit immer längeren Verschnaufpausen. Auf halbem Weg zum Gipfel kam dann noch ein bissiger Wind dazu, der mich dazu gezwungen hat, die Handschuhe aus dem Laufrucksack hervorzukramen. Bei dieser Gelegenheit konnte ich mich auch um die Sonnencrème kümmern, die aufgrund des bedeckten Himmels bis dahin noch nicht gross benötigt wurde. Wolfgang war noch erschöpfter, glitt sogar einmal aus und rutschte gefährlich ein paar Meter abwärts. Zum Glück ist ihm nichts passiert, aber seiner Moral war das auch nicht zuträglich. Oben auf dem Gipfel standen die Streckenposten der Zwischenzeitmessung und riefen uns aufmunternd zu: „Kommt, kommt, bald seid ihr oben!“ Bald? Klar, es lagen noch rund 20 Höhenmeter zwischen mir und dem Gipfel. Aber auch dafür brauchte ich noch zwei Verschnaufpausen. Dazwischen musste ich immer wieder laut gähnen, ich war einfach hundemüde und fertig.

Endlich oben. Und nun? Würde ich auf der anderen Seite überhaupt wieder runterkommen und die rettende Maighelshütte erreichen? Klingt reichlich pathetisch, ich weiss. Aber ich wusste in diesem Moment echt nicht, wohin das Ganze noch führen sollte. Wenigstens gestaltete sich der Abstieg zur Maighelshütte erstaunlich angenehm. Die Beine trugen mich und ich konnte sogar ziemlich leichtfüssig absteigen. Unten dann die Verpflegung, diesmal sogar mit Bouillon, die mich wieder aufgepäppelt und zurück zu den Lebendigen gebracht hat. Für Wolfgang war’s das. Er beschloss, nichts mehr weiter zu riskieren und aufzugeben. Als ich ihn da so friedlich im Schatten auf dem Klappstuhl der Sanität sitzen sah, erinnerte ich mich daran, dass ich ja auch aufgeben wollte. Wollte ich das wirklich? Oder doch weiterlaufen? Einer der Sanitäter zeigte mir berufsbedingt sachlich nüchtern meine Optionen auf. Von der Hütte auf die Zufahrtsstrasse absteigen und dieser talauswärts zurück nach Tschamut folgen oder die Strasse überqueren und den Weg in Richtung Tomasee fortsetzen. Würde ich mich für die Fortsetzung entscheiden, gäbe es aber erst auf dem Oberalp und somit jenseits des letzten Gipfels wieder eine Ausstiegsmöglichkeit. Dazwischen lagen nochmals rund 500 m Auf- und 700 m Abstieg. Ganz der Bündner gab er mir zum Schluss noch einen wertvollen Rat mit auf den Weg: „Wenn du aussteigen willst, entscheide dich spätestens unten an der Strasse. Sonst musst du unnötig zurücklaufen.“ Danke, werde es mir zu Herzen nehmen. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon 6 Stunden unterwegs, die ehemals als sehr grosszügig bemessene Cut-Zeit von 8 Stunden auf dem Oberalp-Pass lag mir nun auf einmal drohend im Nacken.

Ich erreichte die Strasse, zögerte einen Moment und setzte meinen Weg in Richtung Tomasee fort. Rund zweihundert Meter später meldeten sich Beine und Magen gleichzeitig und sagten mir, dass ich doch besser umkehren und aussteigen sollte. So lief ich entschlossen zurück zur Kreuzung. Unterwegs verabschiedete ich mich noch vom Holländer-Trio hinter mir und wünschte ihnen weiterhin viel Erfolg. Da stand ich dann. Mitten auf der Kreuzung. Die erlösende Strasse talauswärts vor mir, den beschwerlichen Weg Richtung Tomasee und Pazolastock hinter mir. Sollte ich echt solche Strapazen auf mich genommen und eben erst den verfluchten Cavradi bezwungen haben und nun doch aufgeben müssen? Das durfte nicht sein. Nein! Den letzten Anstieg mit nur noch 500 m würde ich irgendwie auch noch packen. Danach würde ich auf dem Oberalp endgültig die Segel streichen und mit der Bahn nach Sedrun zurückfahren. Also drehte ich erneut um und kehrte auf die Trailstrecke zurück.

Und mein Mut wurde belohnt! Auf einmal ging es viel leichtfüssiger vorwärts, der Weg war auch nicht mehr so steil, sondern verlief immer wieder über einigermassen flache Stücke. Über eine idyllische Schlucht trottete ich entlang des noch sehr jungen Rheins aufwärts. Und da lag er vor mir. Der Tomasee. Der Ort, an dem der kleine Bergbach entspringt, der viele Kilometer später als breiter Strom durch Basel fliesst und schliesslich bei Rotterdam in die Nordsee mündet. Aus Filmdokus über den Rhein (bin halt unter anderem auch Geografielehrer, da schaut man sich sowas schon mal freiwillig an) und aus zahlreichen Fotos wusste ich, dass der Tomasee ein lohnendes Ausflugsziel ist. In Wirklichkeit ist er aber noch viel schöner. Wie ein Bijou liegt er eingebettet zwischen steilen Bergwänden auf beiden Seiten und sanften Wiesen an seinem Anfang da. Am Ende stürzt sich das kleine Bächlein, das später eine der wichtigsten Handelsrouten Europas wird, über die Felsen hinunter ins Tal.

Es kam in der Folge zur ersten und einzigen technischen Pause – also ohne zwingend nach Luft schnappen zu müssen, sondern einzig aus dem Grund, den Fotoapparat aus dem Laufrucksack hervorzukramen und das obligate Erinnerungsselfie mit Tomasee im Hintergrund zu schiessen. Der Läufer vor mir tat es mir gleich, allerdings etwas zeitgemässer mit Smartphone. Auf einmal hörten wir wiederholt Geräusche vom Wegrand. Erst dann entdeckten wir die auf dem Stativ aufgepflanzte Kamera der Fotoservice-Firma, die dort die ankommenden Teilnehmenden beim Überqueren des Rheins fotografierte. Da die Kamera vermutlich per Bewegungsmelder ausgelöst wurde, sorgte unser Gefuchtel und Posieren zwangsläufig für eine Reihe wohl reichlich komischer Schnappschüsse, über die sich die Mitarbeitenden beim Auswerten noch amüsieren dürften … Mal schauen, ob es eines dieser Bilder ins Teilnehmerangebot schafft.

Vom Tomasee führte der Weg immer noch angenehm aufwärts zur Badushütte, wo die Hüttenwartin einen inoffiziellen Verpflegungsposten eingerichtet hatte und Tee reichte. Der tat sehr gut und auch der kurze Smalltalk war mir sehr willkommen, hatte ich doch nach dem Ausstieg von Wolfgang niemanden mehr um mich herum und zog ziemlich einsam über die Pfade. Welcher der umliegenden Gipfel denn der Pazolastock sei, wollte ich wissen. Die Hüttenwartin zeigte auf den kleinsten und sanftesten aller Gipfel und auf die Streckenposten, die dort oben gut zu sehen waren. Nun gut, das sah gar nicht so unmöglich aus und sollte besser machbar sein als erwartet. Unter dem Gipfel angekommen, erwies sich aber auch der als äusserst hartnäckig und verlangte mir erneut zahlreiche Pausen ab, bis ich oben war. Dort verkündete der Streckenposten milde lächelnd, dass es nun etwas geradeaus gehe, bevor nochmals ein kurzer Aufstieg kommt. Ein wie bitte? Ich hätte es eigentlich wissen müssen. Auf dieser Strecke ist nie, aber auch wirklich nie der vermeintliche Gipfel der endgültige. Und so kraxelte ich über einen zwar exponierten Grat, der sich aber als weitaus weniger gefährlich entpuppte als beim Briefing angekündigt. Jenseits des Grates folgte der kurze Aufstieg, wobei die Definition von „kurz“ offenbar im Auge des Betrachters liegt. Für einen einheimischen Bergführer dürfte das etwa vergleichbar sein mit dem Weg von meiner Haustüre zum Briefkasten. Für mich Parterreschweizer mit zu diesem Zeitpunkt weit über zweitausend Höhenmetern in den Füssen fühlte es sich an wie der Aufstieg zum Everest. Wenigstens standen oben nicht nur Streckenposten, sondern auch ein Schild, welches den Punkt auch schriftlich als Gipfel markierte. Inzwischen war ich 7:45 h unterwegs. In 15 min. war 700 m tiefer auf dem Oberalp Kontrollschluss. Das war’s, aus. Ich war offiziell raus aus dem Rennen.

Entsprechend noch vorsichtiger machte ich mich auf den Abstieg Richtung Oberalp-Pass. Zeit gab es keine mehr zu verlieren, die hatte ich trotz anfänglich gutem Start spätestens auf dem Cavradi vollends eingebüsst. Nun galt es, sicher und unfallfrei die steilen Serpentinen runterzukommen und es irgendwie auf den Oberalp zu schaffen. Dort müsste ich zum Glück nicht einmal selber aufgeben. Man würde mir mitteilen, dass ich die Cut-Zeit überschritten hätte und nicht mehr länger im Rennen wäre. Ich würde bei der Sanität eine Einwegmaske holen, mich in den erstbesten Wagen der Matterhorn-Gotthard-Bahn setzen und nach Sedrun zurückfahren. Es wird mein erstes DNF überhaupt sein. Ein Zacken würde mir deshalb aber nicht aus der Krone fallen. Das Ganze war von Anfang an ein mehr als unsicheres Unterfangen. Mehrmals überlegte ich, mich auf die Kurzstrecke umzumelden. Hätte ich das gemacht, hätte ich nie rausgefunden, ob ich es vielleicht nicht doch schaffen konnte. Am Ende musste ich es einfach probieren. Dass man bei einem solchen Lauf scheitern kann, davon wurde ich auf den bisherigen 27 km wiederholt Zeuge. So manch einer, der unterwegs aufgeben musste, war wesentlich erfahrener und besser trainiert als ich. Auf dem Oberalp würde ich alle drei Gipfel bezwungen, den Tomasee in seiner ganzen Länge genossen und nicht weniger als 30 km zurückgelegt haben. Zudem war ich schon zweimal kurz davor, aufzugeben. Die Sache nun soweit durchgezogen zu haben, erfüllte mich mit einer grossen Zufriedenheit und ja, durchaus auch mit Stolz.

Als ich so vor mich hinsinnierte, kam endlich der Oberalp-Pass in Sicht. Meine Strapazen würden in wenigen Minuten ein Ende haben. Ich sah schon den Besenläufer, der mit eingestecktem Besen im Rucksack auf die Ankommenden wartete. Einige andere standen schon bei ihm. Das war’s dann. Er würde mich in wenigen Augenblicken von der Strecke nehmen.

Nachdem wir zu fünft um ihn herumstanden, wünschte uns der Besenläufer auf einmal alles Gute für den Schlussabschnitt. Wie jetzt. Wir sind doch draussen, oder etwa nicht? Ja, ja, die Cut-Zeit sei längst überschritten, aber solange er noch dastehe, sei die Strecke noch offen. Wir sollten ruhig weiterlaufen, er würde hinter uns herlaufen und uns bis Sedrun begleiten. Etwas verdutzt und ungläubig machten wir uns auf den Weg Richtung Tschamut. Einen Moment lang trauerte ich dem gemütlichen Bähnli nach. Dann realisierte ich, dass ich das Ding entgegen aller Wahrscheinlichkeit und völlig entgegen des Rennverlaufs tatsächlich ins Ziel bringen würde. Gemeinsam mit den anderen lief es sich auch viel leichter und so zogen wir munter schnatternd ins Tal. In Tschamut, wo ich auf dem Hinweg zum ersten Mal aussteigen wollte, stärkte ich mich nochmals mit einer Bouillon, während Lars (43) aus unserer Gruppe seine Flasche füllte. Die anderen liefen schon weiter und so bildeten wir fortan ein Zweierteam für die restlichen paar Kilometer. Wenn zwei Läufer sich kennenlernen, dann haben sie in der Regel Gesprächsstoff genug. So war es auch bei uns. Wir hätten rein plaudertechnisch locker bis Chur weiterlaufen können. Unsere Körper waren aber anderer Meinung und so mussten wir abwechselnd immer wieder kurze Gehpausen einlegen. Musste einer abbremsen, zog der andere nach. So unterstützten wir uns bis zurück nach Sedrun. Etwa dreihundert Meter vor dem Ziel kamen uns zwei entgegen und sagten, wir hätten noch zehn Minuten Zeit. Das dürfte reichen.

Im strammen Wanderschritt und bei jedem Schritt ächzend kämpften wir uns den letzten Anstieg zur Sportanlage hoch. Kurz, bevor wir ins Blickfeld des Zielbereichs rückten, bemühten wir uns ein letztes Mal um ein leichtes Traben, damit man uns wenigstens als Läufer erkennen konnte. Noch einmal um die Ecke und da lag er vor uns, der Zielbogen, der noch kurz vor dem Oberalp bereits endgültig abgeschrieben war. Gemeinsam schritten wir mit erhobenen Armen über die Ziellinie, wo uns der Rest der „Besengruppe“ schon erwartete. 10:07.13 – so das Resultat des härtesten und verrücktesten Rennens, das ich je erlebt habe.

Wenige Minuten später kündigte der Speaker den endgültigen Zielschluss in fünf Minuten an. Noch waren fünf Läufer unterwegs. Einer davon gesellte sich zwischenzeitlich zu unserer Gruppe, musste dann aber wieder abreissen und sich zurückfallen lassen. Er wurde fortan vom Besenläufer begleitet. Würde es ihm noch reichen? Die Zeit lief unerbittlich und der Speaker zitierte erbarmungslos nochmals das Reglement, wonach es keine Ausnahmen geben würde. Noch 40 Sekunden und von unserem Kollegen fehlte noch immer jede Spur. Da auf einmal kam er um die Ecke geschossen und zog einen Schlusssprint an, der nach einem solchen Lauf mehr als bewundernswert war. Alle, die sich noch im Zielgelände aufhielten, feuerten ihn an und klatschten wie wild. Vier Sekunden vor Zielschluss überquerte Hubert-Bernd (53) als Letzter die Linie und löste einen Freudenjubel unter allen Anwesenden aus, der es locker mit einem Fussballspiel in der Regionalliga hätte aufnehmen können. Da wurde mir bewusst, was Dominique gestern beim Abendessen meinte, als er mir seine Faszination fürs Traillaufen schilderte. Recht hat er!

Unter normalen Umständen wären wir uns wohl alle in den Armen gelegen. Coronabedingt beliessen wir es aber bei ein paar Fistbumps und anerkennenden Worten, bevor im Hotel endlich die erfrischende Dusche und ein leckeres Abendessen warteten.

Heute Morgen hoffte ich vergeblich, beim Frühstück auf Dominique zu treffen, um mich bei ihm nach seinem Lauf zu erkundigen. Wenig später traf ich ihn dann aber beim Bahnhof und wir konnten sogar gemeinsam bis Zürich zurückfahren. Gerademal etwas über acht Stunden benötigte Dominique gestern. Es sei doch ein ungewöhnlich harter Traillauf gewesen, meinte er. Er, der schon Mehrtäger und was weiss ich nicht alles in den Bergen gelaufen ist. Als Anfänger den Rheinquelle Trail auf der Langstrecke zu finishen, sei schon eine Referenz, die Anerkennung finde. Das nehme ich gerne so entgegen und eine Fülle von Eindrücken mit auf den Heimweg.

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<![CDATA[RQ -6: Direttissima auf die Hohe Winde zur Einstimmung]]>Sun, 05 Jul 2020 15:14:25 GMThttps://lukasreinhard.ch/blog/rq-6-direttissima-auf-die-hohe-winde-zur-einstimmungHeute in einer Woche bin ich hoffentlich zufrieden und mit erfolgreich gefinishtem Rheinquelle-Trail-Debut zurück zuhause. Nachdem ich gestern im Rahmen des SLRG-Moduls See den ganzen Tag am und im Bielersee verbracht und mir dadurch stellenweise doch etwas Sonnenbrand eingefangen hatte, suchte ich mir heute eine möglichst schattige, aber trotzdem attraktive Route mit lohnendem Ziel, um nochmals ein paar Höhenmeter zu sammeln und vor allem zu testen, ob meine Trailstöcke die Strapazen des kommenden Samstags heil überstehen werden oder vielleicht doch noch in letzter Minute ersetzt werden müssen. Bereits vergangene Woche am Pilatus hatte ich ja so meine liebe Mühe mit den in die Jahre gekommenen Gebirgsveteranen.

Alle drei Wünsche konnten mit dem heutigen Kurzausflug auf die Hohe Winde erfüllt werden: Auf- und Abstieg über die Direttissima des «SAC-Jubiläumswägli» verlaufen mit Ausnahme der letzten paar Meter hauptsächlich durch den kühlen Wald, die Route war vielseitig und stellenweise auch nochmals angenehm heraus-, aber nicht überfordernd und zur Aussicht ganz oben auf der Hohen Winde muss ich wohl kaum viele Worte verlieren. Wer schon einmal dort oben war, geht immer wieder hin. Auch für mich ist das jedes Mal von Neuem ein wunderschöner Fleck mit einer Aussicht, die man in der Region sonst selten oder vielleicht überhaupt kein zweites Mal findet.

Als ich etwas unterhalb der Winde aus dem Wald kam, sah ich einen gut präparierten Fussweg in die Wiese eingemäht, der zum Triangulationspunkt hochführt. Statt dem auf der Karte eingezeichneten Weg über den Grat zu folgen, entschied ich mich für den Wiesenpfad. Dieser ist ein Bijou und wer auch immer ihn geplant und letztlich eingemäht hat: Super gemacht!

Abwärts konnte ich mich nochmals ein bisschen in Trittsicherheit üben und stellte erfreut fest, dass ich nicht mehr der hoffnungslose Stolperi bin, der ich noch vor wenigen Monaten war. Das geht inzwischen ganz flott und sicher. Unten bei der Postautohaltestelle Beinwil Reh angekommen, musste ich aber einsehen, dass dies heute der letzte Einsatz für meine Trailstöcke war. Der eine ist im unteren Teil so verbogen, dass er sich nur noch mit Riesengemurkse justieren lässt und beim anderen ist das Gewinde des untersten Teleskopsegments komplett futsch und lässt sich nicht mehr anziehen. So sind die Stöcke eher eine Gefahr, denn eine Unterstützung und müssen deshalb in den letzten Tagen vor meiner Abreise nach Sedrun ersetzt und erneut getestet werden.

Als kleines Requiem auf meine treuen Begleiter möchte ich aber an dieser Stelle ihre wohl grösste Glanztat hervorheben: Nebst den Traillauf-Trainings in diesem Frühjahr und einigen Bergtouren in den letzten Jahren haben mich die beiden vor zwei Jahren auf den Wildstrubel und zurück begleitet. Ohne ihre Hilfe hätte ich mit dem strammen Bergschritt meiner Jungs kaum mithalten können :-) Nun ruhet (oder rostet - wie man's sieht) in Frieden.

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