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13.12.15  Zeit

Reduziert man unseren Sport auf das Wesentliche – wobei nota bene die schönsten Aspekte geopfert und gestrichen werden – so bleibt am Ende die Zeit. Darum geht es all jenen, die ambitioniert dem Laufsport frönen. Und die Zeit stand denn auch beim gestrigen Saisonabschluss in La Chaux-de-Fonds im Zentrum.

Wie in meinem Blogbeitrag zum Basler Stadtlauf erwähnt, hänge ich in den letzten Jahren jeweils nach den grösseren Herbstläufen noch einen finalen Saisonabschlusslauf an. Die Wahl fällt dabei zwangsläufig auf einen der zahlreichen Chlaus- und Weihnachtsläufe. Kommt man in den Sommermonaten nirgends an den Start, wo es nicht nach wenigen Metern schon steil bergauf geht und das Ziel irgendwo über den Wolken liegt, so hat man im Dezember kaum eine Chance, an einem Lauf teilzunehmen, ohne sich mit herkömmlicher Wettkampfbekleidung in der krassen Minderheit neben einem überwältigenden Heer an Samichläusen, Schmutzlis, Engeln, Schlitten, Weihnachtskugeln oder Rentieren wiederzufinden. Die Weihnachtsläufe sind derzeit gross in Mode, was auch die jährlich zunehmenden Teilnehmerzahlen sowie der beachtliche Zuschaueraufmarsch entlang der Strecke belegen.

Dieses Jahr fiel meine Wahl auf die Trotteuse TISSOT in La Chaux-de-Fonds. Gründe waren unter anderem das Datum, das gut in meine Agenda passte und die Region, die ich zumindest läuferisch noch überhaupt nicht kannte. La Chaux-de-Fonds ist aber auch die Wiege der jurassischen Uhrmacherkunst und als solches prädestiniert für einen eigenen Lauf. Schliesslich hecheln wir Läuferinnen und Läufer ja dauernd in schierer Verzweiflung den stetig davonfliessenden Sekunden oder gar ihren Bruchteilen hinterher.

So reiste ich gestern bewusst bereits am frühen Nachmittag an, obwohl mein Start erst für 19:15 Uhr angesetzt war. Mein erstes Ziel war das «Musée international d‘horlogerie», das sich unweit des Bahnhofs befindet. Doch bereits auf der Hinreise erlebte ich die Zeit in einer Art, wie ich sie sonst selten erleben kann. Statt via Biel nach La Chaux-de-Fonds zu fahren, entschied ich mich für die etwas romantischere Route über Glovelier und dann mit den Chemin de fer du Jura via Saignelégier. Die Fahrt von Glovelier nach La Chaux-de-Fonds dauert gut 75 Minuten, die einem aber viel länger vorkommen. Schier endlos tuckert das rote Bähnli durch die wunderschöne Landschaft und die Zeit spielt auf einmal keine Rolle mehr. Entschleunigen würde man das wohl neudeutsch nennen.

Doch zurück zum Museum. Seit 1902 werden dort alte Uhren gesammelt und in einer sehr stimmig aufgebauten und didaktisch zugänglichen Ausstellung präsentiert. Unikate aus aller Welt reihen sich an regionale Entwicklungen in der Uhrenindustrie. Ergänzt wird die Ausstellung durch zahlreiche Experimente, die man als Besucher/in selber durchführen kann und dadurch eine Vorstellung davon erhält, was Zeit eigentlich ist bzw. wie wir Zeit wahrnehmen. Und da wird es auch für mich als Läufer spannend.

Da wäre zum Beispiel die Apparatur, bei der man seine Reaktionszeit messen kann. Das Aufleuchten einer Lampe muss man möglichst schnell durch das Drücken eines Knopfes bestätigen. Gemessen wird die Zeit, die zwischen dem Aufleuchten und der Bestätigung verstrichen ist. Der Informationstafel ist zu entnehmen, dass Sportler/innen eine Reaktionszeit von durchschnittlich 0.120 Sekunden haben. Beim ersten Versuch lag ich noch bei 0.34. Ok, da hatte ich wohl geschlafen. Beim zweiten immerhin bei 0.25 und nach dem dritten Versuch mit 0.21 gab ich auf. Wozu brauche ich eine gute Reaktionszeit? Schliesslich bin ich kein Sprinter, sondern Langstreckler und dank der Nettozeitmessung kann ich die Startmatte überqueren, wann immer ich es für richtig halte. Schliesslich mache ich auch nicht schon nach 100 m wieder Pause, sondern werde erst nach 12 km so richtig warm :-)

Ein weiteres Experiment, das ich an dieser Stelle erwähnen möchte, ist die Wahrnehmung von Sekundenbruchteilen. Zwei Lampen leuchten nacheinander auf. Den Zeitabstand dazwischen kann man auf einer Skala zwischen 0.001 und 1 Sekunde selber festlegen. Bei 0.5 Sekunden konnte ich den Abstand zwischen den beiden Lichtsignalen noch deutlich wahrnehmen. Bei 0.2 Sekunden kam ich an die Grenze. Ich fragte mich schon oft, ob es Sinn macht, meine Laufzeiten auf der Webseite inklusive Nachkommastellen aufzuführen. Beim Aufschalten der Webseite entschied ich mich aber dafür, die Zeiten jeweils so aufzuführen, wie sie auch offiziell vom Veranstalter in der Rangliste angezeigt werden. Einige Veranstalter messen auf Zehntelsekunden, andere nicht. Die Sinnlosigkeit einer Resultatangabe mit Zehntelsekunden im Falle eines Marathons wurde mir aber gestern deutlich vor Augen geführt. Geht man davon aus, dass der Zeitchip auf Brusthöhe befestigt ist, hat also derjenige einen Vorteil, dessen Haltung nach 42.195 km schlechter ist. Oder anders gesagt: Wer auch am Ende eines Marathons noch aufrecht gehen kann, ist im Nachteil, da seine Brust zu weit hinten liegt, um die entscheidenden Zehntelsekunden beim Zieleinlauf rauszuholen. Ich weiss, das alles ist letztlich weit davon entfernt, auch nur ansatzweise relevant zu sein. Deshalb schnell weiter zum eigentlichen Grund meines Ausflugs.

Denn am Ende wurde in La Chaux-de-Fonds doch auch noch gelaufen. Nach der obligaten Chlaus- und Rentierparade, die ich halb amüsiert, halb angewidert vom Streckenrand aus mitverfolgt hatte, wurde es Zeit – da haben wir das Z-Wort wieder – für den ernsthaften Teil des Abends. Schon beim Warm-up musste ich erneut über die Zeit philosophieren. Macht es Sinn, für das Warm-up unter dem Strich mehr Zeit aufzuwenden, als man letztlich für den Lauf selber benötigt? Die 8 km in vier Runden durch dunkle Gassen, gespickt mit zwei kurzen, aber satten Anstiegen und einem kurzen Treppenstück bewältigte ich in 33.06,1 (ja, ja, in 33.06). Das Warm-up dauerte hingegen 40 Minuten. Was für Kurz- und Mittelstreckler logisch und Teil des Wettkampfs ist, ringt mir nur ein heftiges Kopfschütteln ab. Wie sehr sehne ich mich da nach dem nächsten Marathon. Locker einlaufen, ein paar Laufschulübungen, ein paar Steigerungsläufe auf Renntempo und los geht’s! Bei einem Adventslauf im Dezember auf 1‘000 m. ü. M. reicht das aber nicht, um das für eine so kurze Distanz notwendige Tempo gleich von Beginn weg aufzubringen. Da müssen die Muckis schon etwas seriöser aufgewärmt und vor allem auch vor dem Start warm behalten werden.

Das mit dem Tempohalten ist auch so eine Sache. Stadtläufe haben es nun mal an sich, dass sie kaum mehr als zweihundert Meter am Stück gerade verlaufen und immer wieder enge Kurven zu laufen sind (vgl. Stadtlauf-Blog vom 29.11.15). Das macht diese Art von Lauf einerseits spannend, aber für Leute wie mich, die es gewohnt sind, kilometerweit durch die Landschaft zu traben, auch sehr anspruchsvoll. So staunte ich nicht schlecht, wie unerschrocken die Vordersten in diese engen Passagen reinpreschten. Zeitweise war es so dunkel, dass man nicht sehen konnte, ob der Boden eben oder mit Schlaglöchern gespickt war. Bei den nassen Stellen konnte ich zudem nicht abschätzen, ob sie nur nass, oder allenfalls gar gefroren waren. So nahm ich immer wieder Tempo raus, während die wirklich Guten da ohne mit der Wimper zu zucken drüber hinweg donnerten. Am Ende verpasste ich meine Ambition, den Lauf in einem Schnitt unter 4 Minuten pro Kilometer zu laufen mit einem Schnitt von 4:08 deutlich.

Doch der Ärger verflüchtigte sich schon wenige Meter hinter der Ziellinie, als uns im wohlig warmen Kinosaal heisser Tee und leckeres Früchtebrot gereicht wurde. Der Saisonabschluss ist also geglückt und im Rückblick auf all die schönen Laufmomente und persönlichen Erfolge, die ich in diesem Jahr erleben durfte, relativiert sich die Schlusszeit von gestern sehr schnell. Zeit ist und bleibt eben etwas Ungreifbares, das sich stets auf den Moment bezogen ausdrückt und letztlich stark von der individuellen Wahrnehmung geprägt ist. Durch die Stoppuhren werden diese Momente aber für immer festgehalten und als Zahl in alle Ewigkeit fortbestehen – die guten wie auch die schlechten.

Ich freue mich über all die guten Momente der Saison 2015, auf die ich noch lange mit grosser Genugtuung zurückblicken kann. Und ich freue mich schon auf all die vielen Momente, die im neuen Jahr kommen werden – möge es sich wiederum hauptsächlich um gute handeln.

In diesem Sinne frohe Festtage und bis bald im 2016!