foto1
Running text caption 1
foto1
Running text caption 2
foto1
Running text caption 3
foto1
Running text caption 4
foto1
Running text caption 5
Running free since 2010

21.02.16  Der etwas andere Jahrestag

Genau 1 Jahr ist es her. Es war ein vergnügter Eishockeyabend in der Post-Finance-Arena in Bern beim Meisterschaftsspiel zwischen dem SC Bern und dem HC Lugano. Nach einem hart umkämpften Spiel triumphierten am Ende meine geliebten Bianconeri und konnten die drei Punkte nach Hause ins sonnige Südtessin mitnehmen. Genüsslich kippte ich den letzten Becher Bier – dies im vollen Bewusstsein darüber, dass ab dem folgenden Tag Abstinenz angesagt war.

Es folgten acht Wochen Vorbereitung auf den Warschau Marathon und die wollte ich ganz bewusst ohne einen einzigen Tropfen Alkohol bestreiten. Schon länger passten für mich Sport und Alkohol immer schlechter zusammen. Deshalb sollte es kein Problem sein, für zwei Monate auf Wasser, Saft und ähnliche Apéro-Alternativen auszuweichen. Was ich an diesem Abend des 21. Februar 2015 noch nicht wusste: Es sollte mein letztes alkoholisches Getränk überhaupt sein – für immer.

Die acht Wochen vergingen wie im Flug und den Marathon in Warschau krönte ich mit einer neuen persönlichen Bestzeit. Doch dann stellte sich mir die Frage: Soll ich wieder ins alte Muster zurückfallen und am Wochenende oder auch mal werktags am Abend ein, zwei Bierchen zwitschern, so manch lauen Sommerabend mit einem Gläschen Waadtländer Weisswein feiern und in der Adventszeit reichlich beim Glühwein zugreifen? Oder soll ich weiterhin darauf verzichten, was meinem Körper und der sportlichen Form in den vergangenen Monaten alles andere als geschadet hatte?

Es galt in erster Linie für mich abzuwägen, was ich denn bei einem alkoholabstinenten Lebensstil vermissen würde. Der Wein war es nicht. Ich sagte zwar selten nein dazu, kann aber auch keinen guten von einem schlechten Wein unterscheiden. Dafür bedeutet er mir einfach zu wenig. Schnaps mochte ich zwar gerne, doch kriegte ich davon oft Magenschmerzen. Blieb noch das Bier. Und das war ein heikler Punkt, denn Bier zählt neben Kaffee und Wasser zu meinen bevorzugten Getränken. Allerdings konnte ich mich während der Marathonvorbereitung davon überzeugen, dass auch alkoholfreies Bier sehr erfrischend ist und zumindest für mich kein grosser Unterschied zu einem normalen besteht. So blieb ich fortan dabei und nahm weiterhin keinen Alkohol zu mir, es sei denn als Bestandteil von Saucen oder in Form der 0.5 Vol. %, die viele alkoholfreie Biere trotzdem enthalten. Aber alles, was darüber hinausgeht, blieb tabu.

Zuerst behielt ich diesen Entschluss für mich, da ich ja selber nicht wusste, ob er denn dauerhaft gelten würde. Ich hing es also nicht an die grosse Glocke und griff bei den obligaten Apéros, um die man im Beruf und in der Freizeit selten herumkommt, zum Orangensaft oder zum Wasser. Meistens wurde ich dabei zuerst schräg angeschaut – schliesslich war ich bis vor wenigen Monaten noch einer, der lieber zweimal zulangte und sich nicht zierte, ein angebotenes Glas anzunehmen. Doch nach dem ersten ungläubigen Blick folgte oft ein mildes Lächeln: „Ach, du musst sicher noch fahren.“ Fahren! Ich, der seit sechs Jahren kein eigenes Auto mehr hat und über den Service public der SBB inzwischen ganze (Horror-)Romane schreiben könnte …

Irgendwann standen die Einladungen zu meinem Geburtstagsfest an und damit war der Zeitpunkt gekommen, die Katze endgültig aus dem Sack zu lassen – zumindest, was meinen engsten Familien- und Freundeskreis betraf. Waren in den vergangenen Jahren Brauprodukte aus verschiedenen Produktionsstätten und Herkunftsländern ein todsicherer Garant für begeisternd leuchtende Augen des Geburtstagskindes, so wäre das auf einmal nicht mehr das ideale Mitbringsel gewesen. Auf der Einladung vermerkte ich deshalb, dass ich keinen Alkohol mehr trinken würde, mich aber sehr über verschiedene alkoholfreie Biere freue. Letzteres ging perfekt auf und meine Geburtstagskinderaugen leuchteten begeistert wie eh und je.

Die Reaktionen waren durchaus positiv. Mein sportliches Umfeld konnte den Entscheid sehr gut verstehen. Der eine oder andere gab sogar zu, auch schon darüber nachgedacht zu haben. Die anderen respektierten meinen neuen Lebensstil – was hätten sie sonst auch tun sollen?

Trotzdem fällt mir seither auf, wie irritiert vor allem Leute reagieren, die mich noch nicht so lange kennen, wenn ich statt zum Weinglas zum Wasser greife. Die Irritation verstärkt sich jeweils, wenn ich ihnen erkläre, dass ich weder fahren müsse noch gesundheitliche Probleme oder gar religiöse Gründe für meine Abstinenz hätte, dass ich auch mit Alkoholmissbrauch in meinem Umfeld zum Glück noch nie konfrontiert worden sei, sondern lediglich auf den Konsum von Alkohol verzichten würde. Damit finden sich dann die meisten ab. Allerdings erstaunt es mich immer wieder, wie selbstverständlich in unserer Gesellschaft davon ausgegangen wird, dass erwachsene Personen grundsätzlich Alkohol trinken. Als Freizeitsportler komme ich immerhin um die verachtenden Blicke herum, mit denen potenzielle alternative Teetrinker und Reformhauskunden bedacht werden. Sport – und der Langstreckenlauf im Speziellen – scheinen doch eine gewisse Legitimation zu sein, halt lieber Wasser statt Wein zu trinken.

Ausserhalb der engsten Bezugspersonen gibt es aber einen Ort, an dem ich mich noch nie erklären musste. Betrete ich nach dem Vereinstraining das Restaurant Hirschen in Laufen, werde ich umgehend gefragt, ob ich gerne ein alkoholfreies Bier hätte. JA – gerne!