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23.04.17  2:58.39 – der Eintrittscode in den siebten Marathonhimmel

Der Hamburg Marathon war zwar mein sechster Start über die 42.195 km, doch er endete direkt im siebten Himmel! Den Marathon eines Tages unter 3 Stunden ins Ziel zu bringen, war mein ganz grosses Ziel, seit ich vor zwei Jahren in Warschau zum ersten Mal die 3:15-Marke knacken konnte. Dass es nun mit 2:58.39 schon in Hamburg gelingen würde, hatte ich nicht erwartet – aber durchaus geplant.

Mit den Traumzeiten ist es so eine Sache. Einerseits will man im Vorfeld nicht zu viel darüber nachdenken, damit man am Ende nicht enttäuscht ist, wenn es doch nicht klappt. Andererseits können Traumzeiten insbesondere im Marathon nur erreicht werden, wenn sie sorgfältig geplant werden. Zu Beginn meiner Vorbereitung auf den Hamburg Marathon nahm ich mir eine Zielzeit von 3:03 h vor – Hauptsache, endlich unter 3:05 h. Meinen Trainingsplan berechnete ich denn auch auf einer Zeit von 3:02.58, was einem Marathonrenntempo von 4:20 min / km entsprach.

Anders als noch im letzten Herbst, lief die Vorbereitung diesmal von Anfang an hervorragend. Ich konnte alle Trainings planmässig abhalten und auch die Zeiten stimmten von Beginn weg sehr gut. Während der Ferienwoche in Tarasp (2. Vorbereitungswoche) waren zwar die im Plan geforderten Zeiten nicht laufbar, da diese sich auf Asphalt- und nicht auf Schnee-und-Matsch-Läufe beziehen. Der Schnee und Matsch jedoch, vor allem aber auch die Läufe auf rund 1500 m Höhe sorgten ihrerseits für willkommene Trainingsreize und Abwechslung.

Zurück zuhause lief es wieder rund und erfreulich schnell. Zur Mitte der Vorbereitungszeit folgte die bereits im letzten Beitrag beschriebene neue Bestzeit über 10 km – ein weiterer Beweis, dass die Richtung stimmte. Noch gab es aber keinen Grund, ernsthaft über eine schnellere Zielzeit am Marathon nachzudenken. Dieser Gedanke drängte sich erst in den letzten zwei Wochen auf. Als ich vorletzte Woche die im Marathontempo geplanten 15 km im Schnitt von 4:10 und somit deutlich schneller als die geforderten 4:20 lief und sich das zwei Tage später im abschliessenden Tempotraining erneut bestätigte, stand für mich fest: Ich muss versuchen, auf eine Pace von 4:14 anzulaufen, was eine Endzeit von 2:58.44 bedeuten würde.

Mir war wohl bewusst, dass dieser Schuss mächtig nach hinten losgehen konnte und ich im schlimmsten Fall auf dem letzten Streckenabschnitt so jämmerlich eingehen würde, dass selbst die 3:03 h nicht mehr erreicht werden könnten. Die Tatsache, dass ich noch nie so fit war wie jetzt und ich auch noch nie eine so reibungslose und erfolgreiche Marathonvorbereitung erleben durfte, führten letztlich den Entscheid herbei, die 3 Stunden bereits in Hamburg ein erstes Mal anzugreifen. Sollte es nicht klappen, so kann ich mir wenigstens nicht vorwerfen, es nicht einmal versucht zu haben, dachte ich mir.

So reiste ich denn mit der Marathonstrategie nach Hamburg, die ersten 15 km in einer Pace von 4:17 zu laufen, die nächsten 10 km in 4:10 und die letzten 17 km in 4:14. Einmal mehr stand Peter Greif mir mit seinem genialen Buch hilfreich zur Seite. Dieser Plan funktioniert und ich kann ihn nur wärmstens empfehlen. Der olle Greif mag ein Schleifer und Spinner sein, aber er ist mitunter wohl einer der genialsten Lauftrainer der Gegenwart. Meine Meinung.

Da stand ich also am Sonntagmorgen kurz vor 9 Uhr an der Startlinie des 32. Haspa Marathon Hamburg und durfte erfreut registrieren, dass ich noch nie so ruhig und konzentriert war vor einem Start über den langen Kanten. Sonst kamen spätestens da die Zweifel auf, ob ich nicht zu viel wollte, ob es wohl gut gehen würde – und überhaupt sind 42 km doch viel zu weit, warum begnüge ich mich nicht einfach mit Halbmarathon und und und. Doch dieses Mal war das nicht so. Ich fühlte mich blendend und war felsenfest überzeugt, dass es ein gutes Rennen werden würde, mit welchem Ausgang auch immer.

Hamburg bot den Teilnehmenden an diesem Marathontag das volle Programm aus der heimischen Wetterküche. Versprach die Sonne am Start ein fröhliches Frühlingsrennen, so liefen wir nach nicht einmal zwei Kilometern durch einen heftigen Graupelschauer, der schon mal für ein erstes Peeling sorgte. Wellness an der Elbe auf die harte Tour. Später wechselten sich sonnige Abschnitte mit Bewölkung, Regen und einem weiteren Graupelschauer ab, so dass Bucheli auf dem Meteodach seine helle Freude gehabt hätte.

Lauftechnisch lief es aber von Beginn weg wie gewünscht. Ich war einmal mehr auf den ersten Kilometern oftmals zu schnell unterwegs, doch das war auch auf einige Bergabpassagen zurückzuführen und solange ich locker und ohne grosse Anstrengung traben konnte, waren auch Kilometerzeiten von 4:10 oder ab und zu noch schneller kein Grund, auf die Bremse zu treten. Im Gegenteil, dieses Polster sollte mich später über die Runden und in den siebten Himmel retten!

Da ich schon vor KM 15 einige Kilometer in einer 4:10er-Pace lief, folgte die Tempoverschärfung nicht abrupt. Von da an mussten die Zeiten allerdings bei 4:10 sitzen und durften nicht mehr als Luxus betrachtet werden. Gegen die Halbmarathonmarke hin wurde das zeitweise etwas anstrengender, zumal die Strecke da auch ganz leicht bergauf führte. Den Halbmarathon passierte ich guten 1:28.56, was weiterhin für ein zufriedenes Lächeln auf meinem Gesicht sorgte.

Das ging noch einigermassen gut bis KM 32. Die letzten zehn Kilometer sollten doch jetzt auch kein Problem mehr sein. Von wegen, die erwiesen sich zuerst als knüppelhart und die Pace flachte bedrohlich Richtung 4:20 und damit unter das Soll ab. Aber ich hatte ja noch das nette Polster aus der ersten Hälfte und so beruhigte mich der Blick auf die auf meinem Unterarm notierten Durchgangszeiten bei KM 35 und später auch bei KM 40 wieder etwas.

Der Durchhänger dauerte bis KM 37 – rückblickend eigentlich weder besonders lange noch besonders heftig. Das hätte auch schlimmer kommen können. Die dauernde Angst im Nacken, die Sub-3 auf den letzten Kilometern doch noch aus der Hand zu geben, waren mental aber nicht gerade als Aufsteller zu bezeichnen. Bei KM 37 freute ich mich, dass es nur noch fünf Kilometer bis ins Ziel waren. Die abschliessenden 195 m sind eh jeweils ein Schaulaufen. Der Läufergeist kehrte zurück und ich konnte nochmals beherzt ein paar Körner verheizen. Bei KM 39 folgte das Gegenteil: immer noch 3 km, das schaffe ich nie in dieser Mörderpace. Oje, ich armer, armer Loser ich. Dann kam die magische 40-km-Tafel in Sicht und der Kämpfer mit dem orange-schwarzen Shirt war wieder zurück im Geschäft. Die volle Marathon-Achterbahnfahrt eben.

Bis dann dieser elende KM 41 kam, dauerte es gefühlte Ewigkeiten und ich wollte schon anfangen zu rechnen, wie viel ich auf den letzten 1.2 km noch verschenken durfte. Da ich aber schon im erholten Zustand nicht gerade für meine Mathekünste bekannt bin, konnte ich die zu diesem Zeitpunkt erst recht vergessen. Doch da kam er endlich, der 41. Kilometerpunkt. Und von da an lief ich quasi im Autopilot-Modus. Einen Schritt vor den anderen, gut aussehen war eh nicht mehr möglich, die Haltung komplett in Eimer, aber vorwärts kam ich noch ganz ordentlich.

Auf einmal kam der Messeturm in Sicht, die Strasse war nun beidseitig mit Tribünen gesäumt und vor mir lag der rote Teppich, der die letzten hundert Meter anzeigte. Ein letzter Blick auf die Uhr. Die gab mir Grünes Licht zum Jubeln und los ging’s. Diese hundert Meter feierte ich meinen Lauf, den Laufsport, die Marathondistanz, das tolle Rennen in Hamburg und überhaupt einfach die ganze Welt. Noch nie musste ich nach dem Zieleinlauf so stark hinken. Aber hey, ich war auch noch nie so schnell :-)